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Ulf Schlüter und Christian Grethlein im Austausch über künftige kirchliche Formen, Strukturen und Möglichkeiten

Wie geht es weiter mit der Kirche?

Wie geht es weiter mit der Kirche? Passen ihre herkömmlichen Strukturen noch zu einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die sich rasant verändert? Entspricht das kirchliche Leben den heutigen Menschen? Um solche Fragen ging es unter dem Titel „Quo vadis, Kirche?“ in einer Studienkonferenz für Engagierte im Haupt- und Ehrenamt am 4. Februar in Haus Villigst.

Gleich vier Einrichtungen der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) hatten dazu eingeladen: das Evangelische Erwachsenenbildungswerk, das Institut für Gemeindeentwicklung und missionarische Dienste, das Pädagogische Institut und die Evangelische Akademie. Das Interesse war nicht gering: Rund hundert Personen folgten dieser Einladung und diskutierten lebhaft.

Dr. Christian Grethlein, Professor für Praktische Theologie in Münster, beschrieb und analysierte die gegenwärtigen Situation. Er erinnerte – etwas zugespitzt - daran, dass die heute noch gültige „parochiale Grundstruktur“, also das flächendeckende Prinzip der örtlichen Kirchengemeinden, aus der Zeit Karls des Großen stammt: Das gesamte Gebiet Deutschlands ist im Sinne einer pastoralen Versorgung abgedeckt, jedes evangelische Kirchenmitglied ist grundsätzlich einer bestimmten Gemeinde und einer bestimmten Pfarrperson zugeordnet.

Bindung an die Ortsgemeinde schwindet

Angesichts wachsender Mobilität, so Grethlein, sei diese Struktur nicht mehr angemessen. Menschen legen oft große Entfernungen zum Arbeitsplatz zurück, Ausbildung, Studium und berufliche Wechsel erfordern häufig Umzüge. Folge: Die Bindung an eine Ortsgemeinde nimmt ab. Wer dann woanders kirchlich heiraten oder sein Kind taufen lassen will, verursacht einen Verwaltungsakt – das wiederum führt dazu, dass Kirche als „staatsanaloge Verwaltungsbehörde“ erlebt wird. Der beamtenähnliche Status der Pfarrer stehe außerdem der Erwartung entgegen, dass ein Vertreter der Kirche in Glaubensfragen eigene Erfahrungen authentisch und überzeugend wiedergeben kann. Bei Religionsbeamten trete dagegen „der Bezug auf selbst Erlebtes hinter allgemein feststehende Prozeduren zurück“.

Grethlein: Weniger Institution, mehr Bewegung

Jesus dagegen sei es gelungen, „die Wirklichkeit auf Gottes Handeln hin durchsichtig zu machen“ – in gemeinschaftlicher Feier, in seiner Lehre und durch Hilfe zum Leben. Für Professor Grethlein wird und soll sich Kirche weg von der Institution und hin zu einer Bewegung entwickeln. „Kirche– wörtlich: der Bereich, der zum Herrn gehört – ist weiter als das, was umgangssprachlich als ‚die Kirche‘ oder ‚die Gemeinde‘ bezeichnet wird.“

Schlüter: Evangelium verkündigen – Kommunikationspotenzial nutzen

Keine Kirche ohne Organisation, sagte Ulf Schlüter, Theologischer Vizepräsident der EKvW, in seiner Antwort auf Grethlein. Aber: Organisationsformen „haben keinen Anspruch auf Ewigkeit“. Verfassungsebenen, Kirchenordnungen, Gemeinde- und Landeskirchengrenzen – nichts davon habe einen heilsgeschichtlichen Wert. „Die evangelische Kirche wird ihren Weg finden, wenn sie mutig daran geht, sich zu verändern, um ihrem Auftrag nachzukommen: den Menschen das Evangelium in Wort und Tat zu bezeugen.“ Darum geht es Schlüter vor allem anderen: „Die barmherzige, abgrundtiefe, richtende und aufrichtende Liebe Gottes in Wort und Tat, in Verkündigung und Diakonie der Welt und den Menschen zu bezeugen, darin gründet Kommunikation des Evangeliums.“

Dazu seien die enormen Möglichkeiten der Kommunikation, die Kirche derzeit hat, „verantwortlich und nach Kräften zu nutzen“. Zu diesem Kommunikationspotenzial zählen akademisch gebildete, beamtete Pfarrer ebenso wie Dorfkirchen und Kathedralen, Kindergärten und der Religionsunterricht, Krankenhäuser und Altenheime, Hochschulen oder Fernsehgottesdienste.

Die Diffusen entdecken

Weiter geht es dem Vizepräsidenten darum, „die Diffusen zu entdecken“: Die große Mehrheit der Mitglieder, die sich ihrer Kirche wenig oder nicht verbunden fühlen, wollen ernst genommen werden und an zentralen Stationen des Lebens wie Taufe, Trauung, Bestattung, persönliche Begleitung erfahren, wollen „etwas hören, etwas sehen, etwas erleben in ihrer Kirche, was zum Evangelium für sie werden kann“. Weiterer Punkt: Diakonie. Sie sei eine große Chance auch für die verfasste Kirche – „wie wiederum die Diakonie dort gewinnt, wo sie sich selbstbewusst als Teil der Kirche versteht und diese Relation mit Leben füllt“. Auch über Bildung, über den Dialog mit den Wissenschaften könne die Kirche die Köpfe der Menschen erreichen - nicht mit einem höheren Wahrheitsanspruch, „aber mit einem tiefen Wissen um die Dimensionen der Welt und des Lebens, die sich rein analytischer Betrachtung entziehen und die Sinn ergeben“.

Kirche, so warnte Schlüter, dürfe nicht auf orts- und provinzkirchliche Strukturen fixiert bleiben. Nur als Teil eines weltweiten Netzwerks sei jede kirchliche Organisationseinheit recht zu verstehen. Und ihre Angebote müssen auch dort zu finden sein, wo die Menschen im Alltag kommunizieren: „unterwegs, in den Medien, im Netz“.

Exemplarisch Kirche sein

Schließlich gelte es Abschied zu nehmen von dem Grundsatz, es könne und müsse die Kirche allerorten alles gleich abbilden. „Wir werden stattdessen erfolgreich exemplarisch arbeiten, Kräfte und Ressourcen bündeln, kirchliche Orte mit Ausstrahlung schaffen.“ Schlüter verschwieg nicht, dass dies auch eine Umverteilung bisher flächendeckend eingesetzter Ressourcen bedeute. Doch nur eine entschlossene exemplarische Akzentuierung werde die nötige Kraft entfalten.

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