#beziehungsweise
Versöhnung feiern

„Jom Kippur“ beziehungsweise „Buße und Umkehr“

„Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ‚Tut Buße‘ usw. (Mt 4,17; Mk1,15) wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.“ Mit diesen Worten beginnen die berühmten 95 Thesen Martin Luthers, wobei es wirklich keine Rolle spielt, ob er sie denn nun an die Tür zur Stiftskirche gehämmert hat oder nicht. Klar ist, Buße war für Luther eine Lebenseinstellung, kein formalisiertes Geschehen, kein Ritual in den Händen einzelner Kleriker.

Für uns heute hat Buße einen etwas seltsamen, antiquierten Geschmack. Wir kennen noch den Bußgeldkatalog, wenn wir mal wieder zu schnell gefahren sind und geblitzt wurden. Auch rutscht es uns heraus, wenn wir uns über jemanden geärgert haben: „Das wirst du mir büßen.“ Buße ist out und auch der Buß- und Bettag löst bei vielen nur Achselzucken aus und wird dann schnell zum Bus- und Bett-Tag.

Dabei trifft der Begriff Buße den Kern der Verkündigung Jesu und auch der Johannes des Täufers: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“ Buße bedeutet, sich selbst Rechenschaft zu geben über seine Taten. Es bedeutet, seine Fehler einzugestehen und zu bereuen. Vor allem heißt Buße aber: Kehrt um von den falschen Wegen, auf denen ihr unterwegs seid.

Von solcher Umkehr redet nicht nur das Neue Testament, sondern auch das Alte Testament, die Hebräische Bibel an vielen Stellen. Die Brüder des Joseph, der König David, die große Stadt Ninive, sie sind herausragende Büßer im Ersten Testament. Das zentrale Ritual der Buße ist aber Jom Kippur, der Versöhnungstag. Der Tag ist nicht nur ein Tag strengsten Fastens, sondern vor allem ein Tag des Gebetes in der Synagoge und des Bekennens von Schuld. Dabei geht es jedoch nicht allein um die Versöhnung mit Gott. Die jüdische Tradition der Mischna sagt es sehr eindeutig: „Sünden des Menschen gegenüber Gott sühnt der Versöhnungstag, Sünden des Menschen gegenüber seinen Nächsten sühnt der Versöhnungstag nicht eher, als bis er seinen Nächsten besänftigt hat.“

Fehler einzugestehen, Schuld zu bekennen, Vergebung zu erbitten – gegenüber Gott und gegenüber seinen Mitmenschen, das ist alles andere als eine einfache Angelegenheit. Umkehr ist vielmehr ein anstrengender, steiniger Weg. Wo der gelingt, da kann man wirklich feiern. Da wird Versöhnung zum Freudenfest.