Gewinnt die Evangelische Gesamtschule Gelsenkirchen den Deutschen Schulpreis?
„Wer diese Schule verlässt, weiß, wer er ist und was er kann“
Antonia Berger ist jetzt schon wahnsinnig stolz. Am 30. September 2025 fährt die Oberstufenschülerin mit Mitschüler*innen und Lehrer*innen der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck zur Verleihung des Deutschen Schulpreises. Die EGG ist eine von 15 Schulen aus ganz Deutschland, die es bis ins Finale des Wettbewerbs geschafft haben. Nur sechs werden ausgezeichnet. Aber selbst, wenn’s nichts wird, sagt Antonia: „Wir brauchen keinen Preis, um zu wissen, dass wir eine richtig gute Schule sind.“
Die EGG hat ein paar ziemlich aufregende Monate hinter sich. Schriftlich, in Interviews und bei Besuchen durch eine Jury mussten das die Schüler*innen, das Kollegium, sogar die Elternvertreter*innen, immer wieder beschreiben und sichtbar machen, warum ihre Schule den Schulpreis verdient.
„Natürlich ist man total angespannt“, erinnert sich Nadja Nauroschat, zuständig für die Jahrgänge 5 und 6 an der EGG. „Weil allen klar ist, die Jury muss jetzt auch sehen, womit wir uns beworben haben. Und gleichzeitig war es eine unglaubliche Stimmung. Alle kamen aus den Unterrichtsbesuchen und haben sofort erzählt, wie es war - auch wir im Kollegium. Da hat man ganz deutlich den Zusammenhalt gespürt.“
Das Ergebnis von sechs Jahren harter Arbeit
Um zu verstehen, wie die Schule an diesen Punkt gekommen ist, muss man sechs Jahre zurückgehen. 2019 hatte sich die EGG zuletzt um den Schulpreis beworben. Die Schule hatte gerade ihr methodisches Konzept komplett umgestellt. Schüler sollten lernen freier zu arbeiten, in einem eigenen Fach: Freies Lernen. Ein ambitionierter Schritt. Damals reichte es nicht für einen Preis.
Und doch zeigen viele Wege, die die Schule jetzt zur Preisverleihung nach Berlin führen, an diesen Moment zurück. „Wir wussten, wir müssen erst einmal unser Konzept weiterentwickeln, bevor wir uns nochmal bewerben können“, sagt Schulleiter Volker Franken. „Aber ich war immer dafür, dass wir es irgendwann wieder versuchen.“
Dem Kollegium musste man das nicht zweimal sagen. Über Jahre bauten die Lehrerinnen und Lehrer das Freie Lernen als Qualitätsmerkmal guter Bildungsarbeit aus. Mittlerweile ist es organischer Bestandteil des Schulalltags der Fünft- bis Achtklässler, selbstreguliert zu lernen und die Strategien in Projekten umzusetzen - mit jedem Schuljahr ein bisschen eigenständiger. Das Konzept soll künftig noch über diese Jahrgänge hinaus ausgebaut werden.
Regelmäßig gibt es Lernentwicklungsgespräche zwischen Schülern und Lehrern, in denen es darum geht, eigene Stärken und Schwächen zu benennen und Lernziele zu vereinbaren. „Es fällt nach meiner Erfahrung vielen Leuten schwer, sich selbst Schwächen einzugestehen“, sagt mit Felix Kraschovitz einer, der das jetzt schon kennt. „Aber wenn man das tut, dann können die Lehrer einem helfen und es bringt wirklich etwas.“ Felix geht in die 7. Klasse.
Lerneffekte für alle: Schüler*innen und Schule
„Am Ende waren es viele kleine Schritte bis hierhin, da war viel ausprobieren und wieder verändern dabei“, sagt Cathrin Schnack, Koordinatorin für das Freie Lernen. Mittlerweile ist das Konzept zwar etabliert. Trotzdem bietet Schnack am Anfang des Schuljahres und nach Bedarf Auffrischungen für ihre Kolleg*innen an. Auch für Lehrkräfte, die neu an die Schule kommen, damit die Kollegen sich nicht allein gelassen fühlen und sicher in dem, was sie tun. „Es hat für beide Seiten Vorteile, so zu unterrichten, also nicht mehr frontal. Die Schüler haben uns damals selbst gesagt, dass sie freier lernen möchten. Es war trotzdem ein jahrelanger Prozess, bis wir an diesen Punkt gekommen sind, dass auch wirklich so viele dahinterstehen.“
Profitiert hat die Schule von der letzten Schulpreis-Bewerbung auch insofern, dass sie nun Teil des Exzellenzschulen-Programms der Robert-Bosch-Stiftung, die den Schulpreis auslobt, ist. „Wir konnten uns an anderen Schulen anschauen: Was machen die in freien Unterrichtssettings? Und da haben wir für uns über Jahre sehr deutlich herausgearbeitet, was für unsere Schule funktionieren kann“, erinnert sich Nauroschat.
Auch für den Demokratie-Preis hat sich die Schule beworben. Im Schülerrat wurde beschlossen, dass Schülersprecher*innen künftig von der ganzen Schülerschaft gewählt werden und nicht mehr nur von den Klassensprecher*innen. Das Mitspracherecht von Schülern ist an der EGG schon länger verankert. In der Schulkonferenz – klassischerweise Lehrer, Schulleitung und Elternvertreter – gehört ein Drittel der Stimmen den Schülern. Dort wurde auf deren Initiative die Kleiderordnung angepasst. Außerdem wurde ein Chancengleichheitsfonds eingeführt, der Schülern die Finanzierung von Büchern oder Schulfahrten ermöglichen soll, wenn das sonst finanziell schwierig wäre. Demokratie, das definieren sie hier in Gelsenkirchen als Teilhabe für alle.
Bei der Schulpreis-Jury scheint der eingeschlagene Weg gut angekommen zu sein. Viel sagen durften sie natürlich nicht. Aber es gibt Hinweise. „Wir haben ein besonderes interreligiöses Konzept hier, was auch mit der Schülerschaft zusammenhängt“, erzählt Volker Franken. „Damit haben wir uns überhaupt gar nicht beworben, aber die Jury hat das entdeckt für sich und dann von sich aus noch Fragen gestellt.“
„Wow, das ist meine Schule!“
Die Schüler*innen fühlen sich spürbar wohl an „ihrer Schule“, die ihre Selbstständigkeit so systematisch fördert. „Ich würde sagen, die meisten, die von dieser Schule gehen, wissen, wer sie sind und was gut können“, sagt Antonia, die noch eineinhalb Jahre vor sich hat. „Die Interviews haben das nochmal wachgerufen, wie wir hier aufs Leben vorbereitet werden.“ Sechstklässlerin Carlotta Schiborr erinnert sich an ihren ersten Besuch an der EGG, auf die sie eigentlich gar nicht hatte gehen wollen. „Alle meine Freunde gingen aufs Gymnasium, aber als ich das hier alles gesehen habe, dachte ich nur: Wow, das ist meine Schule!“
Jetzt, wenige Tage vor der Preisverleihung steigt die Aufregung. Weil nur eine kleine Delegation mit nach Berlin kann, veranstaltet die Schule ein Public Viewing samt musikalischem Rahmenprogramm. Keiner will verpassen, wenn die Schule womöglich tatsächlich ausgezeichnet wird. In den vergangenen sechs Jahren habe die Schule vieles so rasant verändert, „dass ich jetzt schon zu den Preisträgerschulen gehören will“, sagt Schulleiter Franken selbstbewusst.
Cathrin Schnack schaut „mit sehr viel Hoffnung“ auf den 30. September. „Einen Preis zu bekommen, wäre wunderschön. Aber alles, was wir bisher gelernt und verändert haben, auch mit den Schülern zusammen, war so wertvoll - als Preis -, dass sich die Sache jetzt schon gelohnt hat.“ Nadja Nauroschat, die sich auf die Preisverleihung in Anwesenheit des Bundespräsidenten freut, hat den möglichen Moment für sich visualisiert. „Aber ich verrate mal nicht, wie das aussieht.“
Die Schüler*innen jedenfalls haben ein klares Ziel für Berlin. Sicher, die Fahrt dorthin und das Programm vorher, das werde bestimmt alles super, sagt Felix Kraschovitz, der zum ersten Mal die Hauptstadt besucht. Auch Carlotta Schiborr freut sich auf das einmalige Erlebnis. Die Frage nach dem optimalen Ausgang kennt für Antonia Berger trotzdem nur eine Antwort: „Naja… Hauptpreis! Ist doch klar!“


