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Doppelte Veränderung im kirchlichen Dienst der EKvW bei der Polizei

„Menschen brauchen einen Weg – und einen, der ihn mit ihnen geht“

Die „großen Fußstapfen“, in die sie treten, sind Stephan Draheim und Karsten Dittmann sehr wohl bewusst. Als Zuständige für den kirchlichen Dienst bei der Polizei in der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW), verankert im Zentrum Seelsorge und finanziell gefördert vom Land NRW, folgen die beiden Pfarrer immerhin Werner Schiewek nach. Der hatte die Polizeiseelsorge in Westfalen und bundesweit jahrzehntelang geprägt und war im Februar in den Ruhestand eingetreten. Ihr Ziel lautet: im Team erfolgreich arbeiten. Da hilft es, dass sich der Seelsorger und der Ethiker nicht zum ersten Mal begegnen.

„Wir kennen uns aus dem Kirchenkreis Münster“, sagt Dittmann, er freut sich auf die Zusammenarbeit. Der Theologe und promovierte Philosoph übernimmt ab dem 1. August die 1. Pfarrstelle im kirchlichen Dienst in der Polizei. Die Pfarrstelle beinhaltet Lehrveranstaltungen zum Thema Ethik im Polizeiberuf an der Deutschen Hochschule der Polizei in Hiltrup. Am Zentrum für ethische Bildung und Seelsorge in der Polizei NRW (ZeBuS) in Selm wird er außerdem die evangelische Kirche vertreten und dort inhaltlich die Arbeit mitgestalten.

„Polizistinnen und Polizisten stehen vor vielen Herausforderungen: Sie müssen oft spontan entscheiden und sollen immer die Verhältnismäßigkeit der Mittel im Blick behalten. Sie sollen unparteilich sein, bringen aber natürlich auch ganz persönliche Wertvorstellungen mit. Sie sollen ‘gute’ Polizeiarbeit leisten – aber was heißt ‘gut’? Auf der Leitungsebene wird die Richtung vorgegeben – und die muss natürlich auch reflektiert werden“, erklärt Dittmann das Spannungsfeld, in dem er seine Expertise einbringen will. „Natürlich vertritt die Polizei in Deutschland das staatliche Gewaltmonopol. Gleichzeitig soll sie aber respektvoll mit allen Menschen umgehen und die Beamten sollen bei aller Belastung psychisch gesund bleiben. Das erfordert eine Auseinandersetzung auch mit ethischen Fragen. Für mich ist das ein hochspannendes Arbeitsfeld.“

Für den aktuell in Münster tätigen Gemeindepfarrer ist das Thema aber auch deshalb ein persönliches, weil beide Söhne entweder schon bei der Polizei arbeiten oder auf dem Weg dorthin sind. In seiner Freizeit bloggt Dittmann leidenschaftlich zu philosophischen Fragestellungen und über die Predigtlehre, läuft leidenschaftlich oder spielt das asiatische Brettspiel Go, für das Computer erst seit wenigen Jahren leistungsfähig genug sind, um als Gegner antreten zu können. „Ich spiele zwar auf niedrigem Niveau, aber beim strukturierten Denken hilft es allemal“, sagt Dittmann lachend.

Für den regelmäßigen Kontakt mit den Polizeibeamten vor Ort ist Stephan Draheim als Beauftragter für den kirchlichen Dienst in der Polizei der EKvW da. Der ausgebildete Industriekaufmann arbeitete nach dem Studium der Theologie und Sozialpädagogik zunächst als Gemeindepfarrer. Im Probedienst nach dem Vikariat habe er sich gefühlt wie ins kalte Wasser geworfen. In einer Gemeinde im Umbruch habe er als Teil eines völlig neu zusammengestellten Pfarrteams vieles neu aufbauen, auch Wut und Trauer aus der Gemeinde über die Veränderungen abfangen müssen. „Ein gutes Team ist da unheimlich wichtig. Wir waren zwar sehr unterschiedlich, aber wir haben uns sehr gut ergänzt.“

Schon damals galt Draheims Fokus also unweigerlich der Seelsorge. Er sattelte eine Klinische Seelsorgeausbildung auf, bildete sich in systemischer Therapie und Supervision weiter. Ein Kollege, mit dem Draheim zuvor Familienfreizeiten organisiert hatte, gewann ihn dann für die Polizeiseelsorge. 2015 wurde er Polizeipfarrer im Nebenamt für den Kirchenkreis Münster, seit 2019 arbeitet er dort hauptamtlich.

Dort begann er schnell die regelmäßige Dienstbegleitung der Polizist*innen. „Ich interessierte mich einfach für ihre Arbeit. Ich wollte zuhören und lernen, was es bedeutet, diesen Beruf auszuüben.“ Er stehe jederzeit für Gespräche oder bei Fragen zur Verfügung, sagt Draheim. „Jeder kann zu mir kommen. Aber es reicht eben nicht, zu warten, dass jemand anruft.“

Sein Vorteil: Sein Aufgabenbereich ist nicht Teil der Polizeihierarchie. Niemand muss einen Vorgesetzten fragen, ob er mit Draheim sprechen darf. „Sie wissen, dass ich um ihre Arbeit weiß, aber ich bin trotzdem von außen.“ Die Gespräche blieben immer vertraulich.

Die Themen beschreibt Draheim als „natürlich herausfordernd“. Das anzuerkennen, sei in den Gesprächen oft der erste Schritt. „Ich sage immer: Euch begegnen im Alltag Dinge, die den allermeisten Menschen kaum je passieren. Aber ihr seid hier, weil ihr diese Dinge anders verarbeiten könnt. Das ist eine Stärke! Und ich kann euch jetzt zeigen, wie ihr diese Resilienz noch trainieren könnt.“

Er nennt ein Beispiel, das die Fallhöhe klar macht: Ein Polizist hat im Dienst einen anderen Menschen erschossen. Rechtlich ist der Einsatz womöglich nicht zu beanstanden. Der Kollege wird aufgemuntert, er habe ja keine „Schuld“, hat sich und der Kollegin das Leben gerettet. Dieser Mensch kann damit aber gar nichts anfangen - weil er selbst ganz anders empfindet. Das wiederum kann er aber keinem sagen, glaubt er, weil alle erleichtert sind, dass niemandem etwas vorzuwerfen ist.

„Und da braucht es jemanden, der sagt: Das ist angemessen und das darfst du fühlen“, sagt Draheim. An solchen Stellen, „wo Menschen sprachlos werden, wo es um Tod, Reue, oder Schuld geht. Da können wir behutsam da sein.“

Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass „ich in allererster Linie mit Menschen zu tun habe, die der Kirche skeptisch gegenüberstehen“. Es gehe ihm in seiner Arbeit nicht um Missionierung, er erwarte auch keine Vorerfahrungen mit Kirche, auch wenn ihm diese Vorstellung bei Gegenübern schon begegnet ist. Trotzdem vermittele er in seiner Begleitung natürlich, „woran wir glauben und wofür wir stehen“.

Für ihn stehe eine authentische Begleitung im Vordergrund. Er versuche zu vermitteln, dass die Dinge, die die Polizist*innen mit in die Gespräche brächten - so problematisch sie auch sein mögen – zwar zu ihnen gehörten, aber dass sie sie auch loslassen können. So manche Not hätten Beamte bei ihm schon auf Zettel geschrieben und dann symbolisch verbrannt. Oder in Form eines Steins buchstäblich abgelegt. Draheim: „Für die Bewältigung brauchen Menschen einen Weg – und einen, der ihn mit ihnen geht.“

Hintergrund:
Das Land Nordrhein-Westfalen hat Anfang 2024 die Finanzierung der Polizeiseelsorge ausgebaut. Künftig werden sowohl für die evangelische als auch für die katholische Kirche zwei Stellen staatlicherseits finanziert. Das neue Gesetz sieht vor, dass das Land zusätzlich zu seinem jährlichen Pauschalbetrag jeweils zwei Vollzeitstellen von Polizeiseelsorger*innen pro Kirche finanziert. Der Pauschalbetrag für die Kirchen erhöht sich dadurch um jeweils 250.000 Euro.

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