Einblicke, Fragen und Perspektiven des Gemeindepraktikums
Beruf(ung) hautnah erleben
Michael Waschhof ist Pfarrer in der Kirchengemeinde Wengern. Als Mentor hat er bereits öfter Studierende betreut, die im Rahmen ihres Theologie-Studiums zum Praktikum nach Wengern kamen. Er nimmt das Gemeindepraktikum keinesfalls nur als Verpflichtung, sondern als gegenseitige Bereicherung wahr.
„Wie fühlt sich kirchliche Praxis wirklich an? Wie steht das Studium zur gelebten Arbeit in der Gemeinde? Bin ich für Seelsorge geeignet? Und wie lassen sich Familie und Beruf vereinbaren?“
Diese und viele weitere Fragen begleiten Studierende, die ein Praktikum in einer Kirchengemeinde absolvieren. In der Evangelischen Kirchengemeinde Wengern begleite ich als Pfarrer regelmäßig Praktikant*innen, die für einige Wochen „mitlaufen“, Erfahrungen sammeln und ihre eigene Berufung reflektieren. Dabei geht es nicht nur um das Kennenlernen von Strukturen und Aufgaben, sondern auch um persönliche Auseinandersetzung: Was bedeutet es, Pfarrer*in oder kirchliche*r Mitarbeiter*in zu sein? Welche Erwartungen und Herausforderungen bringt der Beruf mit sich?
Schon in den ersten Tagen ihres Praktikums erleben die Studierenden: Kirche ist vielfältig und begegnet den Menschen an den unterschiedlichsten Orten. Auf einer morgendlichen Hunderunde entstehen unerwartete Gespräche mit Gemeindegliedern, die ihre Sorgen und Freuden teilen. Im Kindergarten wird der oder die Praktikant*in mit neugierigen Fragen der Kinder überschüttet. Und dann gibt es die Situationen, die einen besonders fordern – etwa beim Trauerbesuch, wenn am Ende des Gesprächs unvermittelt die Frage kommt: „Und das glauben Sie auch, was da in der Bibel steht?“ Theologie wird hier hautnah erlebt.
Solche Begegnungen fordern heraus: Wie kann ich meinen Glauben verständlich und ehrlich ausdrücken? Wie elementarisiere ich komplexe theologische Inhalte? Wie finde ich meine eigene Sprache, um Menschen in ihren Lebenssituationen zu begleiten?
Für mich selbst ist dieser Austausch ein wertvoller Gewinn. Die Fragen der Praktikant*innen fordern mich heraus, lassen mich meine Arbeit reflektieren und geben mir Impulse, über den Tellerrand zu schauen – sei es in Richtung aktueller theologischer Forschung oder zur Meta-Ebene meines eigenen Handelns.
Ein Praktikum ist also kein einseitiger Lernprozess, sondern eine bereichernde Begegnung für beide Seiten. Anlaufstellen findet man über www.machkirche.de, wobei ich selbst die Erfahrung machte, dass sich interessierte Personen vorher in den Sozialen Netzwerken ein Bild möglicher Mentor*innen machen – dort präsent zu sein, hat auch diesbezüglich Nutzen. Ich werbe gern dafür, sich als Mentor oder Mentorin zur Verfügung zu stellen. Langeweile kam nie auf – und manche der Kontakte überdauern die überschaubare Praktikumszeit bis heute.
Pfarrer Michael Waschhof, Kirchengemeinde Wengern und Esborn im Kirchenkreis Hattingen-Witten
