Katrin Eckelmann erklärt die neue Jugendarbeit im Ev. Kirchenkreis Vlotho
„Wir brauchen die Ungeduld junger Menschen“
Eine neue Jugendvertretung, neue Konzepte und eine „rollierende Kinder- und Jugendkirche“: Das Jugendreferat im Ev. Kirchenkreis Vlotho markiert eine kleine Zeitenwende in der Kinder- und Jugendarbeit.
In der Einbindung junger Menschen und in der Zusammenarbeit mit den Gemeinden werden neue Wege gegangen. Der Clou dabei: Mindestens zwei Drittel der Entscheiderinnen und Entscheider werden unter 27 sein. Es wird Ernst gemacht mit echter Jugendbeteiligung, sagt die Leiterin des Jugendreferats, Katrin Eckelmann.
Nicht nur der Kirchenkreis, die ganze Landeskirche denkt die Jugendarbeit neu. Junge Menschen sollen nicht nur Zielgruppe sein, sondern mitentscheiden. Mit dem Kinder- und Jugendvertretungs-Gesetz von 2025 löst die Landeskirche dieses Versprechen ein, glaubt Katrin Eckelmann. Sie selbst hat, zusammen mit David Stade und Annemarie Coring, dem Kirchenkreis Vlotho eine laute Stimme in der Entwicklung des Gesetzes gegeben.
Und tatsächlich geht es weit über das hinaus, was jungen Menschen in anderen Zusammenhängen an Mitbestimmung zugestanden wird. Im Kern geht es um neue Vertretungsformen, um kirchliche Jugendarbeit „selbst zu organisieren, gemeinschaftlich zu gestalten und mitzuverantworten.“ Zwei Drittel der Vertretungen müssen auch tatsächlich jung sein - im kirchlichen Sprachgebrauch: jünger als 27 Jahre. Das ist für Katrin Eckelmann der radikale Wechsel: Früher waren Jugendliche in mehrheitlich älteren Gremien per Quote mitrepräsentiert. Jetzt wird das Verhältnis auf den Kopf gestellt. „Wir brauchen aber die Ungeduld junger Menschen“, sagt die Leiterin des Jugendreferats. „Und wenn man Jugendliche begeistern will, muss man ihnen Verantwortung geben.“
Radikaler noch: Sie vertreten nicht nur die Interessen junger Menschen. Sie haben auch unmittelbaren Einfluss auf das, was in der Kinder- und Jugendarbeit tatsächlich geschieht. Denn sie haben die Hand am Portemonnaie: die Jugendvertretungen entscheiden, zusammen mit der Kirchenkreisleitung, über die Mittel aus der Kirchensteuer und über die öffentlichen Mittel, die an die Jugendverbände fließen.
Wie wird aus politischen Entwürfen gelebte Praxis?
Im Ev. Kirchenkreis Vlotho wurden im letzten Jahr als Teil des Zukunftsprozesses in vielen Arbeitsbereichen große Veränderungen eingeführt, teils mit schmerzhaften Einsparungen. Dem Jugendreferat wurde der Auftrag gegeben, die Kinder- und Jugendarbeit einmal komplett neu zu denken. Für die jungen Menschen im Kirchenkreis und die Hauptamtlichen im Jugendreferat eine perfekte Gelegenheit, die Ideen der Landeskirche mit Leben zu füllen. „Das kam zur rechten Zeit, da wir schon immer geplant hatten, unsere Konzeption nach den Gemeindevereinigungen der letzten Jahre zu überarbeiten“, erklärt Katrin Eckelmann.
Schon im Herbst wurde die Kinder- und Jugendvertretung offiziell gegründet. Die Teilnehmenden beim Gründungsevent gaben sich einen elfköpfigen Leitungskreis und wählten Annika Heldt und Isabel Arendt zu ihren Sprecherinnen. Das war aber nur der erste wichtige Schritt in einem Jahr voller Arbeit. Nach Klausurtagungen und vielen Gesprächen ging es im neuen Jahr an die genauen Inhalte der neuen Konzeption und bis zur Synode im Sommer wurde weiter daran gefeilt.
Wie verändert sich die Kinder- und Jugendarbeit im Kirchenkreis?
Die neue Konzeption, die von beiden Sprecherinnen auf der Sommersynode vorgestellt wurde, sieht einige radikale Änderungen vor. Bewährtes bleibt erhalten: Schulungen für Ehrenamtliche, Ferienangebote und Freizeiten, das KonfiCamp und die Fortbildungen und Schutzkonzepte, damit Jugendarbeit sicher und geschützt stattfinden kann.
Neu sind die jährlichen Zielvereinbarungen: Einmal im Jahr setzt man sich in den Gemeinden zusammen, mit den Pfarrteams, Jugendpresbyterinnen und -presbytern und zwei Hauptamtlichen aus dem Jugendreferat, um gemeinsam Schwerpunkte festzulegen. Auch hier wird Beteiligung wieder großgeschrieben: Wieder müssen zwei Drittel der Entscheiderinnen und Entscheider unter 27 sein. „Junge Stimmen entscheiden“, sagt Katrin Eckelmann mit hörbaren Stolz.
Und dann die „Kreuzwege“: Für viele Teilnehmende auf der Synode war dies die überraschendste Innovation. Für je zwei Monate soll die „rollierende Kinder- und Jugendkirche“ in die Gastgeber-Gemeinde kommen und eine Kirche übernehmen. Was das vor Ort bedeutet, wurde bewusst offen gehalten, denn das sollen Kinder, Jugendliche und junge Menschen dort selbst bestimmen. Die Ideen reichen von Kirchenkino oder -disco zu neuen Gottesdienstformaten, Mitmachaktionen, Nachhaltigkeitsprojekten oder auch Blockeinheiten für Konfirmandinnen und Konfirmanden.
Die „Kreuzwege“ sollen aber kein abgeschlossenes Biotop für die Jugend sein. „Kinder und Jugendliche sind nicht die Kirche von morgen – sie sind Kirche heute“ steht als Eingangssatz in der neuen Konzeption. Und so sollen die „Kreuzwege“ auch ins laufende Gemeindeleben ausstrahlen. „Es wird keine Pausetaste für das Gemeindeleben gedrückt“, erklärt Katrin Eckelmann.
Wann gehen die Kreuzwege los? Noch ist keine Gastgebergemeinde für den Start ausgemacht. Nach den Sommerferien wird der Leitungskreis an die Arbeit gehen. Ab dem 1. Januar wird dann aus der neuen Konzeption praktische Arbeit, und die Kreuzwege können Fahrt aufnehmen.
Eine neue Konzeption, neue Beteiligungsformen, Gremienarbeit: Es gab viel zu tun für das Jugendreferat und die Sprecherinnen der Jugend im Kirchenkreis, und das nicht nur auf lokaler Ebene. Anfang März ging es für sie auf die Jugendburg Gemen zur Vollversammlung der westfälischen Jugendvertretungen, um zu erleben, wie es in anderen Kirchenkreisen läuft. Für Isabel Arendt war das Zusammenkommen „ganz wichtig, weil hier die Zukunft von Kirche entsteht.“ Die Sprecherin der Vlothoer Jugendvertretung freute sich über die Chance, das mitzugestalten: „Unsere Stimme zählt.“

