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Ökumenischer Gottesdienst am NRW-Tag in Münster mit Präses Ruck-Schröder und Bischof Wilmer

Miteinander reden, aufeinander bauen – bei aller Verschiedenheit

Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Dr. Adelheid Ruck-Schröder, und der Bischof von Münster, Dr. Heiner Wilmer, haben beim NRW-Tag am 30. August auf dem Domplatz in Münster einen ökumenischen Gottesdienst gefeiert. Er stand unter dem Thema „Viele Stimmen. Eine Hoffnung.“ Die Predigt hielten die Präses und der Bischof gemeinsam.

Im ersten Teil machte Präses Ruck-Schröder mit Blick auf die Menge, die sich vor der großen Bühne auf dem Domplatz versammelt hatte, deutlich: „Die Menschen in Münster sprechen sage und schreibe 160 Muttersprachen. Was für eine Vielfalt!“ Einige davon waren auch rund um den Gottesdienst zu hören. Weiter betonte Präses Ruck-Schröder: „Unser Land hat eine Chance: Schaffen wir es, Heimat zu sein für viele? Für die, die schon lange hier leben, und für die, die neu dazugekommen sind?“

Diese Thematik verdeutlichte sie an einem Beispiel aus der Bibel, dem Turmbau zu Babel. „Es hatten alle Menschen nur eine einzige Sprache – mit ein und denselben Wörtern“, heißt es dort. „Da kommt schon auf den ersten Seiten der Bibel ein Klang von Heimweh rüber, das Verlangen nach Einheitlichkeit. Die Menschen haben Angst, nicht klarzukommen in einer Welt, in der man sich verständigen muss mit anderen. Sie fürchten sich davor, verloren zu sein in der Welt, Namen und Identität zu verlieren. Wir bleiben lieber unter uns“, so Präses Ruck-Schröder. Babylon sei für die Menschen damals das Zentrum gewesen. Es sollte stark sein. Eine Sprache, eine Heimat, eine Religion, ein Turm bis zum Himmel. „Wir wollen sein wie Gott. Das war Babylons Politik, und sie ist schiefgegangen. So erzählt es die Bibel“, sagte Präses Ruck-Schröder. Babel beziehungsweise Babylon seien in unsere Kultur eingegangen als Symbol des Untergangs.

In der Bibel greift Gott ins Geschehen ein. In ihrer Predigt erläuterte Präses Ruck-Schröder dazu: „Gott will keine Einheitsstruktur, stattdessen erschafft er die Vielzahl der Sprachen. Er schützt die Menschen vor sich selbst, indem er sie plural verfasst. Menschen sollen auf der ganzen Erde zerstreut die Schöpfung gestalten. Redet miteinander – so verschieden Ihr auch seid. Das ist die Message.“

Präses Ruck-Schröder leitete daraus die biblische Grußbotschaft für den NRW-Tag aus Anlass des 80. Geburtstages des Bundeslandes ab: „Ich, der Herr, Euer Gott, liebe die Vielfalt bei Euch in NRW. Ich will, dass Ihr Euch verständigen müsst.“ Das sei ein großartiger Auftrag an das Land NRW von wahrhaft biblischem Ausmaß, machte Präses Ruck-Schröder zum Ende ihres Predigtteils deutlich. Und für diesen Auftrag sieht sie gute Voraussetzungen: „Wie kein anderes Bundesland hat NRW in den 80 Jahren seines Bestehens Menschen verschiedener Herkunft, Sprachen, Religionen und Kulturen integriert. Wir sind nicht fertig damit.“

Im Anschluss ging Bischof Wilmer weiter auf die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel ein. Diese erzählt von einem gewaltigen Turmbau in der Stadt Babel im heutigen Irak. Um den dahinter­stehenden überzogenen Ehrgeiz zu stoppen, sorgt Gott dafür, dass die Menschen verschiedene Sprachen sprechen. Daran scheitert der Turmbau, die Menschen werden über die ganze Welt verteilt.

Bischof Wilmer erkennt aus dieser Geschichte, dass „die Welt eine Baustelle bleibt“. Auch das Land NRW sei 80 Jahre nach seiner Gründung nicht fertig: „Gott sei Dank!“ Wilmer betonte: „Der Turmbau zu Babel lehrt uns: Wir brauchen nicht alle dieselbe Sprache, dieselben Überzeugungen, dieselbe Herkunft. Wir brauchen die Bereitschaft, uns aufeinander zuzubewegen. Empathie ist keine Schwäche. Empathie ist das Gütesiegel Europas. Wo wir einander vertrauen und gemeinsam Zukunft bauen, wo wir solidarisch sind und mit Empathie handeln, bauen wir nicht allein. Wir bauen mit Gott.“

Durch den Turmbau von Babel würden Arm und Reich neu definiert, sagte Bischof Wilmer und führte das aus: „Arm ist nicht, wer wenig hat, sondern wer unendlich viel braucht und noch mehr will und nie genug bekommt und den Schrei der Erde nicht hört. Arm ist, wer das Land schlechter redet als es ist, wer vor Angst vergeht und die Freiheit eintauscht gegen Sicherheit. Arm ist, wer in der identitären Debatte meint, exakt sagen zu können, wer wir sind und wer die anderen sind, und dann munter ins Blaue wählt. Arm ist zu glauben, ich kann mich allein retten. Der andere stört nur. Weder brauche ich den anderen, noch brauche ich Gott. Ich bin autonom.“

Gleichzeitig, so unterstrich der Bischof, gebe es einen neuen Reichtum: „Reich ist nicht, wer viel Geld hat, sondern wer erkennt, dass wir das Beste in unserem Leben nicht selbst erzeugt haben. Das Beste ist Geschenk Gottes. Reich ist, wer erkennt, dass der Wohlstand unseres Landes wesentlich auch den ausländischen Bergarbeitern im Ruhrgebiet zu verdanken ist. Reich ist, wer die universelle Sprache des Mitleids lernt. Diese Sprache des Mitleids, die uns bei aller babylonischen Sprachverwirrung zusammenführt. Reich ist, wer dankbar ist für den syrischen Chefarzt, für die muslimische Krankenschwester und für den katholischen Kongolesen, der auf der Intensivstation arbeitet. Reich ist, wer sieht, wie Mitglieder seiner Familie im Krankenhaus oder im Altenheim von Menschen mit Migrationshintergrund getragen werden, vom Sprechen bis zum Handhalten, vom Wunden pflegen bis zur Operation, vom Bett in den Stuhl, vom Stuhl bis zum Stuhlgang. Reich ist jemand, in dem die leise Ahnung aufsteigt, dass er eines Tages selbst auf die Hilfe anderer angewiesen sein wird, die ihn dann tragen werden.“

Die musikalische Begleitung übernahmen ein ökumenischer Projektchor unter Leitung von Kreiskantor Konrad Paul sowie ein Blechbläserensemble unter Leitung von Volker Grundmann und eine Band unter Leitung von Kreiskantor Philipp Holmer. Im Anschluss an den Gottesdienst überbrachten Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften Grüße anlässlich des 80. Geburtstages des Landes Nordrhein-Westfalen.

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