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auf einen Blick
Experimentierraum im Probedienst

Glaube und Identität im Einklang

Jan Mark Budde ist seit April 2026 Pfarrer im Probedienst. Mit einer halben Stelle arbeitet er im Gemeindedienst des Personalplanungsraums Gelsenkirchen-Nord. Die andere Hälfte seiner Arbeitszeit widmet er einem selbst gewählten Experimentierraum: der queeren Gemeindearbeit, Seelsorge und Beratung. 

Das westfälische Probedienstmodell bietet Pfarrer*innen seit 2021 die Möglichkeit, neben der klassischen Gemeindetätigkeit ein solches Profil zu entwickeln – in Ausnahmefällen sogar als halbe Stelle statt des üblichen Viertels. Geprägt von seiner eigenen Biografie als queerer Christ möchte er heute der Ansprechpartner sein, den er sich in seiner Jugend selbst gewünscht hätte.

Im Gespräch berichtet er über seinen Weg ins Pfarramt, die Bedeutung von Sichtbarkeit in der Kirche und seine Vision von einer Kirche, in der alle Menschen selbstverständlich willkommen sind.

Jan Mark Budde, Sie sind seit dem 1. April Pfarrer im Probedienst im Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid. Wie haben Sie die ersten Monate erlebt?

Jan Mark Budde: Ich habe mich von Anfang an sehr willkommen gefühlt. Gleichzeitig spürt man, dass hier vieles im Umbruch ist. Zum 1. Januar 2027 fusionieren alle vier Gemeinden des Gelsenkirchener Nordens. Solche Prozesse binden Ressourcen und werfen natürlich Fragen auf. Zugleich eröffnen sie die Chance, Kirche neu zu denken und gemeinsam zu gestalten.

Hinzu kommt, dass in diesem Jahr bereits ein Kollege und im nächsten Jahr weitere vier Kolleginnen und Kollegen in den Ruhestand gehen, deren Stellen nicht neu besetzt werden. Die Frage, wie Kirche hier künftig aussehen wird, treibt viele um. Ich erlebe dabei eine große Bereitschaft, sich den Veränderungen zu stellen und nach guten Lösungen zu suchen. Gerade weil so vieles in Bewegung ist, bietet sich die spannende Chance, neue Ideen einzubringen und Dinge auszuprobieren.

Ihr Probedienst ist mit einem Experimentierraum verbunden. Was bedeutet das konkret?

Jan Mark Budde: Meine Stelle ist geteilt. Zur Hälfte arbeite ich ganz klassisch in der Gemeinde mit Gottesdiensten, Taufen, Trauerfeiern, Hochzeiten und Seelsorge. Die andere Hälfte ist meinem Experimentierraum gewidmet, in dem ich Formen einer queersensiblen Gemeindearbeit entwickle und erprobe.

Diese Möglichkeit schätze ich sehr: Ich kann eigene Schwerpunkte setzen und Themen in den Blick nehmen, die in unserer Kirche bisher oft zu wenig Aufmerksamkeit bekommen haben.

Wie sieht Ihre Arbeit in diesem Bereich aus?

Jan Mark Budde: Ich probiere aus, sammle Erfahrungen und schaue, was die Menschen anspricht – und was sich vielleicht auf andere Gemeinden übertragen lässt. Angesichts der Strukturveränderungen und des großen Bedarfs vor Ort ist es manchmal herausfordernd, beide Bereiche zu verbinden. Aber genau dieses Zusammenspiel ist spannend: Die Erfahrungen aus der klassischen Gemeindearbeit fließen in den Experimentierraum ein – und umgekehrt trage ich neue Impulse zurück in die Gemeinden.

Ihr Experimentierraum umfasst die queersensible Gemeindearbeit, Beratung und Seelsorge im Kirchenkreis. Hat auch Ihre eigene Biografie dazu beigetragen, dass Ihnen dieses Thema besonders wichtig ist?

Jan Mark Budde: Ja, sie hat den Blick auf meine Arbeit definitiv geprägt. Ich bin in Ostwestfalen-Lippe sehr ländlich aufgewachsen. Vor allem zwei Menschen haben mich damals beeinflusst: meine Großmutter, mit der ich regelmäßig in die Kirche ging, und mein Gemeindepfarrer, der für seinen Beruf brannte. Er wollte mich wegen der kirchlichen Umbrüche zwar zunächst vom Theologiestudium abhalten, aber der Gedanke, Pfarrer zu werden, ließ mich nicht los.

Gleichzeitig war es nicht immer einfach, als homosexueller Mann auf dem Dorf aufzuwachsen. Es gab kaum Vorbilder und noch kein gesellschaftliches Klima, in dem ein Outing selbstverständlich gewesen wäre – weshalb ich das auch erst nach dem Abitur getan habe. Rückblickend hätte ich mir damals jemanden gewünscht, der mir vermittelt: „Du bist genau richtig, wie du bist.“ Vielleicht hätte mir das geholfen, früher (und selbstverständlicher) zu meiner Identität zu stehen. Diese Erfahrung ist ein Grund, warum mir die queersensible Gemeindearbeit so wichtig ist.

Welche Rolle spielte Ihr Glaube in der Zeit der Identitätsfindung?

Jan Mark Budde: Mein Glaube war mir immer wichtig. Natürlich fragte ich mich, ob sich meine sexuelle Identität und der Berufswunsch vereinbaren lassen. Ich habe mich intensiv mit theologischer Literatur und Bibelstellen beschäftigt, um sie historisch und exegetisch einzuordnen. Am Ende war für mich klar: Meine Sexualität ist gottgegeben. Es gibt keinen Widerspruch zwischen meinem Glauben und meiner Identität.

Heute engagieren Sie sich besonders für queersensible Gemeindearbeit. Warum?

Jan Mark Budde: Weil Sichtbarkeit einen Unterschied macht. Selbst kleine Zeichen wirken: Ein junger Mann schrieb mir nach einem Gottesdienst, weil ich ein Regenbogen-Bäffchen getragen hatte. Für ihn, der sich eigentlich von der Kirche entfremdet hatte, war das ein klares Signal, dass er willkommen ist. Er ist später sogar wieder eingetreten. Das zeigt mir, wie essenziell Sichtbarkeit und eindeutige Zeichen der Offenheit sind.

Was können Gemeinden konkret tun?

Jan Mark Budde: Sichtbar sein. Eine Regenbogen- oder Progressive-Pride-Flagge am Kirchengebäude sendet eine klare Botschaft. Zudem kann das Thema in Gemeindebriefen, Predigten oder Veranstaltungen aufgegriffen und auf Beratungsangebote verwiesen werden. Vor allem braucht es ansprechbare Personen vor Ort. Das kostet keine großen Ressourcen, sondern zeigt einfach: Hier seid ihr richtig, hier werdet ihr angenommen.

Ein zentrales Projekt Ihres Experimentierraums ist ein queerer Gesprächs- und Literaturkreis. Was steckt dahinter?

Jan Mark Budde: Das Format ist aus meiner eigenen Initiative entstanden. Ich wünsche mir einen Raum, in dem Menschen über Glauben, Sexualität und ihre Erfahrungen mit Kirche sprechen können. Dort treffen sehr unterschiedliche Biografien aufeinander – von positiven Erlebnissen bis zu schmerzhaften Geschichten. Gerade ältere queere Menschen erinnern sich oft an Zeiten, in denen ein offener Umgang mit ihrer Sexualität in der Kirche kaum möglich war. Mein Wunsch ist, dass sich daraus eine feste Gruppe entwickelt, die vielleicht eigene Queer-Gottesdienste vorbereitet und weitere Impulse in den Kirchenkreis trägt.

Wenn Sie auf die Menschen schauen, die Kirche bislang oft nicht erreicht: Welche Rolle spielt Einsamkeit dabei und was kann Kirche dagegen tun?

Jan Mark Budde: Einsamkeit ist ein riesiges gesellschaftliches Thema. Wir richten viele kirchliche Angebote ganz selbstverständlich an Familien oder Senior*innen. Doch viele fallen dazwischen: Alleinstehende, Menschen mittleren Alters oder eben ältere queere Menschen. In der queeren Community ist Einsamkeit, gerade im Alter, ein großes Problem, da Beratungs- oder Treffangebote für Ältere oft fehlen. Dabei sehnen sich viele schlicht nach Gemeinschaft und Austausch.

Hier kann die Kirche viel beitragen: Wir haben Räume, Netzwerke und die Erfahrung, Menschen zusammenzubringen. Warum also nicht Begegnungsangebote speziell für Alleinstehende schaffen oder neue Wohnformen unterstützen? Es ist unser kirchlicher Auftrag, Menschen zu verbinden. Darin liegt heute eine große Chance für Kirche.

Sie waren in diesem Jahr auch auf dem Christopher Street Day (CSD) in Gelsenkirchen präsent. Warum ist es Ihnen wichtig, dass Kirche dort sichtbar ist?

Jan Mark Budde: Gerade nach dem Anschlag in Berlin ist Sichtbarkeit essenziell. Die Antwort auf Hass und Gewalt darf nicht Rückzug sein, denn genau das ist das Ziel solcher Taten. Kirche gehört dorthin, wo Menschen für Menschenwürde und Vielfalt eintreten. Es war für mich daher selbstverständlich, beim CSD ein Grußwort zu sprechen und den Glitzersegen zu verteilen. Die Resonanz war großartig: Viele freuten sich, dass Kirche sichtbar an ihrer Seite steht. Zur Ehrlichkeit gehört aber auch der Blick auf unsere eigene Geschichte: Die Kirche hat queeren Menschen oft nicht den nötigen Rückhalt gegeben. Umso wichtiger ist es, heute eindeutig zu signalisieren, dass sie willkommen sind. Wenn Menschen durch unsere Präsenz erleben, dass Kirche ein sicherer Ort sein kann, ist viel gewonnen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

Jan Mark Budde: Dass die kirchliche Präsenz auf CSD-Veranstaltungen zur Selbstverständlichkeit wird – genauso wie vor Ort in den Gemeinden. Menschen müssen wissen: Hier finden sie Unterstützung, hier müssen sie sich nicht verstecken. Wer glaubhaft signalisieren will, dass alle willkommen sind, muss das auch öffentlich zeigen.

Was möchten Sie, ganz konkret, am Ende Ihres Probedienstes erreicht haben?

Jan Mark Budde: Ich hoffe, dass der queere Gesprächs- und Literaturkreis fest etabliert ist und eigenständig weiterläuft. Zudem wünsche ich mir in den Gemeinden ein gewachsenes Bewusstsein für queere Themen – vielleicht hängen dann ja an einigen Kirchen als sichtbares Zeichen Regenbogenflaggen.

Was macht Ihnen derzeit die größte Freude an Ihrem Dienst?

Jan Mark Budde: Die Freiheit, eigene Schwerpunkte zu setzen. Es ist spannend, neue Zielgruppen in den Blick zu nehmen und auszuprobieren, wie wir Menschen erreichen können, die bisher oft übersehen wurden.
Kirche muss mutiger werden und neue Wege gehen – dazu möchte ich meinen Teil beitragen.

Was würden Sie Kolleg*innen raten, die überlegen, einen Experimentierraum zu nutzen?

Jan Mark Budde: Ich kann sie nur ermutigen. Es ist ein großes Privileg und eine echte Chance, Themen voranzubringen, die im klassischen Gemeindealltag oft zu kurz kommen. Gleichzeitig braucht es Realismus: Ein Experimentierraum ist nicht vom Rest der Gemeinde losgelöst. Bei allen aktuellen Strukturveränderungen und Fusionen braucht es viel Kommunikation. Es gilt, die Kolleg*innen mitzunehmen und Verständnis für ihre Situation aufzubringen.

 

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