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Wolfgang Thönissen: Erneuerung der Kirche als gemeinsames Ziel der Konfessionen

Luther - auch für Katholiken ein Vater im Glauben

Was würde Papst Franziskus sagen, wenn er Martin Luther begegnete? »Lieber Bruder Martin, dass du uns zurückgeführt hast auf den Weg der Barmherzigkeit – das war goldrichtig.« Diese Vision hat der katholische Theologe Dr. Wolfgang Thönissen, der auf Einladung von Präses Annette Kurschus am Dienstagabend (27.6.) im Landeskirchenamt Bielefeld über ein interessantes Thema sprach: »Martin Luther – Katholik und Reformator!?«

Die Veranstaltung der Evangelischen Kirche von Westfalen setzte im Jahr des 500-jährigen Reformationsjubiläums einen besonderen Akzent im evangelisch-katholischen Miteinander. Für Professor Thönissen, der das angesehene Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik in Paderborn leitet, ist klar: Luther kämpfte als katholischer Theologe gegen schwerwiegende Missstände seiner Kirche. »Er traf mit seiner Kritik den Nerv der Zeit«, sagte Thönissen. »Die Kirche war reformbedürftig, aber auch reformfähig.« Dieser katholische Reformwille zog sich wie ein roter Faden durch den Vortrag. Schon zu Luthers Zeit habe eine vom Papst einberufene Versammlung, das letzte Laterankonzil, eine Fülle von Reformvorschlägen auf den Tisch gelegt – kein einziger wurde umgesetzt. »Es gab geradezu einen Reformstau.« Dieses Konzil endete im Sommer 1517. Wenige Monate später veröffentlichte der Wittenberger Professor seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel. Thönissen ist überzeugt: »Katholizität ist immer Reform. Reformen sind ein innerer Ausdruck des Katholischen. Eine über Jahrhunderte unveränderte katholische Kirche ist ein Missgriff.«

Luthers Reformansatz zielte auf »eine Befreiung der Buße aus dem Gefängnis des kanonischen Rechts«, so Thönissen: Das Bußsakrament sei im Mittelalter zu einer juristischen Konstruktion geworden – in dem Sinne: Wer gegen die Ordnung verstoßen hat, muss dafür einen Preis bezahlen. Dagegen setzte Luther die Barmherzigkeit Gottes. 500 Jahre später habe Papst Franziskus ganz in diesem Sinne die Barmherzigkeit Gottes selbst als Ablass bezeichnet, den Gott dem Sünder schenkt.

Doch schon lange vorher habe die katholische Theologie diesen Reformansatz Luthers keineswegs abgewiesen, sondern »begierig aufgegriffen« – allerdings ohne dies nach außen deutlich zu machen. »Heute können wir von Luther als Lehrer und auch als Vater im Glauben sprechen«, erklärte der Referent. Nicht Luthers Theologie, sondern ihre Folgen hätten zur Kirchenspaltung geführt. Leidenschaftlich bekannte Professor Thönissen: »Die Erneuerung der Kirche ist das, worauf wir gemeinsam hinarbeiten. Wir müssen eine Gemeinschaft von Christen erreichen, in der auch der katholische Priester sich darüber freuen kann, dass es in der evangelischen Kirche Pfarrerinnen gibt.«
(Pressemitteilung 59/2017)

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