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Westfälische Präses: In Zeiten der Spaltung brauchen wir solche Orte

„Kirchengebäude sind ein Schatz für die Gesellschaft“

Weniger Geld, weniger Mitglieder - und künftig auch weniger Immobilien: Die Kirchen müssen sich von zahlreichen Gebäuden trennen. Viele Kirchen seien aber weiter wichtig, auch für die Gesellschaft, sagt die evangelische Theologin Ruck-Schröder.

epd-Gespräch: Ingo Lehnick

Die Kirchen müssen ihren Immobilienbestand in den kommenden Jahrzehnten drastisch reduzieren. Viele Kirchen hätten aber wichtige Funktionen in der Gesellschaft und sollten deshalb erhalten und möglichst sinnvoll weiter genutzt werden, sagte die Theologin Adelheid Ruck-Schröder dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen kann sich dafür viele Varianten vorstellen, etwa eine „multiple“ religiöse und nichtreligiöse Nutzung. Kirchen hätten große Bedeutung für das Leben vieler Menschen und seien „Kristallisationspunkte für Sinnfragen“.

epd: Frau Ruck-Schröder, die am 4. Oktober zu Ende gegangene Wander-Biennale Manifesta 16 hat zwölf leerstehende Kirchen im Ruhrgebiet zu ihrem zentralen Thema gemacht. Haben Sie neue Ideen zur Umnutzung von Kirchen erhalten?

Adelheid Ruck-Schröder: Die Ideen sind für mich nicht ganz neu, aber wir müssen sie in der Kirche neu bedenken: Wir müssen uns einbringen, vernetzen und viel stärker mit kommunalen Akteuren und privaten Investoren ins Gespräch kommen, welche hybriden Nutzungen möglich sind. Damit meine ich eine gemeinsame, eine multiple Nutzung von Kirchen - weiterhin religiös, aber zugleich mit Nutzen für den Stadtteil: Beratungsbedarfe, womöglich eine Kita, Wohnbedarfe, Kirchen als dritte Orte für Gemeinschaft stiftende Diskurse. Also nicht nur entweder - oder. Bevor wir Kirchen aufgeben, müssen wir fragen, wie wir diese wertvollen Orte im Quartier gemeinsam nutzen können. Diese Aufgabe nehme ich von der Manifesta mit.

Sichtbare Zeichen des Christentums

epd: Ein Motto der Reihe lautete „This is not a church“. Widerspricht das Ihrer Sicht?

Ruck-Schröder: Ich würde sagen: Doch, es ist eine Kirche. Das kann man in St. Petri in Dortmund sehen, einer ganz offenen Kirche, in der zurzeit eine Kunstausstellung zu sehen ist. Das bleibt eine Kirche, auch wenn dort Künstler ausstellen, die sich gar nicht als religiös verstehen. Kirchen sind sichtbare Zeichen des Christentums, des Glaubens, die auch Fragen der Spiritualität in der Gesellschaft wachhalten. Daran erinnern sie sogar, wenn sie entwidmet und anders genutzt werden. Diese Dimension braucht die Gesellschaft auch heute. Deshalb würde ich nicht vorschnell entwidmen.

epd: Die westfälische Kirche besitzt mehr als 5.000 Gebäude, darunter etwa 1.000 Gottesdienststätten. Etwa 40 bis 50 Prozent der Gebäude sollen aufgegeben oder umgenutzt werden, weil man sie nicht mehr braucht oder weil sie zu teuer sind. Wie schnell geht das?

Ruck-Schröder: Es gibt keinen Zeitplan und keinen Masterplan der Landeskirche, Kirchen aufzugeben. Das entscheiden die Eigentümer vor Ort, also die Kirchengemeinden oder ein Kirchenkreis. Wir haben dafür keine Steuerungsmöglichkeit, es gibt auch keine landeskirchlichen Zuweisungen für diese Gebäude. Dass wir unseren Bestand reduzieren müssen, ist unstrittig: Die Freiburger Studie von 2019 zur Zukunft der Kirchen prognostiziert für 2060 halbierte Finanzen und Personalressourcen, das wird sich wohl schon 2040 realisieren. In diesen Zahlen stecken auch Pfarrhäuser und Gemeindehäuser, die wir im bisherigen Maß nicht mehr brauchen.

Speicherorte des Lebens

epd: Nach welchen Kriterien wird entschieden, welche Kirche bleibt?

Ruck-Schröder: Wir erarbeiten gerade einen Kriterienkatalog für die Gemeinden: Klimafragen, Mobilität, Zugänglichkeit, Lage, Investitionskosten, auch die Kunstschätze - über die haben wir in Westfalen eine ausgezeichnete Inventur. Wichtig ist, dass nicht nur eine einzelne Gemeinde entscheidet, sondern der Kirchenkreis ein Gesamtkonzept aufstellt, auch ökumenisch. Wir dürfen nicht Kirchen an einem Ort aufgeben und nachher feststellen: Hier gibt es gar keine Kirche mehr, weder katholisch noch evangelisch. Wir wollen auch nicht nur denkmalgeschützte Kirchen erhalten. Gerade Bauten der 50er und 60er Jahre erzählen eine eigene Geschichte, viele sind architektonische Zeugnisse eines stärker auf Gemeinschaft konzentrierten Verständnisses von Kirche. Einige davon sollten wir exemplarisch bewahren.

epd: Die Manifesta hat Kirchen als öffentliche Räume verstanden. Können Sie mit dieser Perspektive etwas anfangen?

Ruck-Schröder: Absolut. Kirchengebäude sind ja nicht in erster Linie Erblast, sondern ein großer Schatz in einer Stadt, in einem Dorf, oft die ältesten Gebäude. Das sind durchbetete Räume, in denen sich Biografien, Geschichten, Gefühle, auch politische Aufbrüche widerspiegeln. Kirchen sind Speicherorte persönlichen Lebens, aber auch des öffentlichen Lebens. Sie leisten einen Beitrag zum Zusammenhalt und für die Demokratie, weil Menschen sich dort versammeln und in Diskurs treten können. Deswegen wollen wir Kirchen gar nicht loswerden. Wir müssen überlegen, wie sie erhalten können. Manchmal geht das nur, wenn sie anders genutzt werden.

Keine Spielhalle in der Kirche

epd: Mit welchen Partnern funktioniert das bereits?

Ruck-Schröder: Das Naheliegendste sind Simultankirchen, also ökumenisch gemeinsam genutzte Gebäude, das können wir noch stärker fördern. In Bielefeld hat die jüdische Gemeinde schon vor Jahrzehnten eine Kirche übernommen - aus unserer Sicht ist es eine sehr schöne Nachnutzung, wenn aus einer Kirche eine Synagoge wird. Die Diakonie ist ein sehr guter Partner, gerade für Beratungsstellen und offene Räume. Zu wenig sind wir noch dabei, private Investoren zu finden. Eine private Hochschule etwa hat eine Kirche gekauft und nutzt sie als Ausstellungsort.

epd: Wo verläuft eine rote Linie?

Ruck-Schröder: In den Niederlanden geht man schon weiter als wir bislang, dort gibt es etwa Buchhandlungen in Kirchen. Ich würde sagen: Nicht alles passt. Eine Spielhalle kann ich mir in einer Kirche nicht vorstellen. Für solche problematischen Nutzungen haben die Kirchengemeinden aber einen Blick. Interreligiös ist die Offenheit gewachsen. Auch hier lässt sich das aber nicht pauschal und prinzipiell sagen, es kommt immer auf den Einzelfall an, auf das Gespräch und auf das Gegenüber. Wir werden jeweils genau prüfen, ob es passt.

epd: Müssten sich Staat und Kommunen stärker an den Kosten beteiligen?

Ruck-Schröder: Wir müssen uns mehr um Drittmittel aus Förderprogrammen kümmern, teilweise fallen Kirchen da heraus. Auch mit dem Denkmalschutz sollten wir darüber sprechen, wo es mehr Spielraum gibt, der dem Denkmalschutz und zugleich der Finanzierbarkeit gerecht wird. Ein wichtiges Stichwort ist Verantwortungsgemeinschaft: Wenn wir uns einig sind, dass Kirchen dritte Orte von hoher Bedeutung sind, mit der spirituellen Dimension als Alleinstellungsmerkmal, dann sind wir es auch bei der Finanzierung. Ohne Kostenbeteiligung sind wir als Eigentümerin am Ende wieder in Nöten.

Symbole der Trauer und der Hoffnung

epd: Und wenn eine Kirche abgerissen werden muss?

Ruck-Schröder: Man spricht da vornehm von Rückbau. Das ist ein außerordentlich schmerzhafter Prozess, ein harter Abschied, der gut vorbereitet sein muss. Wenn er nötig ist, geht aber davon auch die Welt nicht unter und die Kirche auch nicht - 300 Jahre lang hat die Kirche ohne Kirchengebäude gelebt. Wenn so etwas entschieden wird, gehe ich davon aus, dass es gut durchdacht ist: dass die Bausubstanz mit vernünftigen Mitteln nicht mehr zu retten ist und es keine sinnvolle Nutzung gibt, weder kirchlich noch kommunal. Dann sollten wir diesen Schritt beherzt gehen und uns an den Kirchen erfreuen und die Kirchen erhalten, die wir weiter haben.

epd: Manche sagen: Lieber in Menschen investieren als in Steine. Was antworten Sie?

Ruck-Schröder: Ich würde sagen, dass Räume eine sehr große Bedeutung für das Leben, für den Glauben und für die Beziehungen von Menschen haben. In Kirchen stehen Symbole der Trauer und der Hoffnung, sie sind Kristallisationspunkte für Sinnfragen. Und sie sind öffentliche Gebäude, für alle zugänglich und offen dafür, dass Menschen in Gemeinschaft und ins Gespräch kommen. In einer Zeit der Spaltung brauchen wir solche dritten Orte. Gebäude sind in dieser Hinsicht ein Schatz für die Gesellschaft.

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