Eröffnung der ersten Islamisch-Theologischen Fakultät Westeuropas
Hoffnung auf „Hotspot für interreligiösen Diskurs“
Mit einem Festakt ist am Donnerstagabend in Münster die erste Islamisch-Theologische Fakultät in Deutschland eröffnet worden. Acht Professorinnen und Professoren lehren ab dem Wintersemester 2026/27 an der Universität Münster islamische Theologie und Religionspädagogik.
Der Fachbereich soll neben der evangelischen und der katholischen Fakultät zentraler Bestandteil eines „Campus der Theologien und Religionswissenschaften“ mit einer der weltweit größten Forschungsbibliotheken zum Thema Religion werden. „Wir sind uns als Universität sicher, dass dieses eine Magnetwirkung entfalten wird“, sagte Rektor Johannes Wessels. „Hier wird ein Hotspot für den interreligiösen Diskurs entstehen.“ Bislang wird zwar an mehreren Hochschulen in Deutschland islamische Theologie oder Religionspädagogik gelehrt, eine eigenständige Fakultät existierte aber noch nicht.
Historisches Ereignis für die Wahrnehmung des Islam
Der Sozialphilosoph Hans Joas nannte die Gründung der Fakultät „ein historisches Ereignis für die Wahrnehmung des Islam in der deutschen Gesellschaft und Kultur, für den interreligiösen Dialog und für die Sache des moralischen Universalismus“. Joas warb für einen interreligiösen moralischen Universalismus, der das Wohl aller Menschen im Blick hat, und warnte vor einem Rückfall in Formen des Partikularismus.
Die neue Fakultät soll nach den Worten von Gründungsdekan Mouhanad Khorchide Brücken in der Gesellschaft bauen, islamistischer Gesinnung entgegenwirken und ein „Leuchtturm für einen aufgeklärten, weltoffenen Islam“ sein. Aktuell sind rund 450 Studierende eingeschrieben. Der Islamwissenschaftler betonte, Theologie müsse ergebnisoffen sein: „Diese Fakultät braucht die volle Freiheit der Wissenschaft, frei von jeder Bevormundung durch den Staat, durch Verbände oder durch den Erwartungsdruck der eigenen Gemeinschaft.“
Kritik an muslimischen Verbänden
Bei den muslimischen Verbänden fehle ihm „vielerorts der Wille, endlich einen Islam aufzubauen, der aus Deutschland kommt und für Deutschland da ist“, kritisierte Khorchide. Die Moscheelandschaft sei bis heute nach Herkunft geordnet: „Wo findet der junge Mensch, der hier geboren ist, hier zur Schule ging, hier betet, seine geistige Heimat in seiner eigenen geistigen und kulturellen Sprache? Gehen wir diesen Weg endlich gemeinsam“, appellierte der Religionspädagoge.
Vertreter von Politik, Kirchen und Judentum begrüßten die Gründung der Fakultät. Gonca Türkeli-Dehnert (CDU), Staatsssekretärin im NRW-Wissenschaftsministerium, hob hervor, der Islam sei „ein fester Teil unserer Gesellschaft geworden“, er müsse auch seinen Platz in der Wissenschaftslandschaft haben. Der Münsteraner Bischof Heiner Wilmer sagte, die islamische Theologie gehörte an die Universitäten und in die wissenschaftliche Debatte.
Besondere Verantwortung der Religionen
Ernstgemeinte Theologie - gleich ob islamisch, christlich oder jüdisch - dürfe sich nicht in einem „religiösen Binnendiskurs“ erschöpfen, sondern könne heute nur „mit dem Gesicht zur Welt“ betrieben werden, betonte der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. In einer Zeit, die von Polarisierung, Extremismus, Demokratieskepsis, gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und den Folgen der Klimakrise geprägt sei, komme den Religionen eine besondere Verantwortung zu. Sie müssten fragen: „Welche Potenziale bergen unsere religiösen Traditionen für das Gemeinwohl?“
Die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Adelheid Ruck-Schröder, äußerte die Hoffnung, dass Münster ein Standort und Inbegriff interreligiöser Zusammenarbeit und Verständigung wird. Evangelische Theologie und Kirche begrüßten bereits seit 1919 die weltanschauliche Pluralität von Bildungsträgern in Schule und Hochschule. Es sei „großartig, dass wir 100 Jahre später so weit sind, dem Islam eine eigene akademische Stimme zu verleihen - und zwar auf Augenhöhe, gleichrangig mit den anderen Theologien“.
Gábor Lengyel, Rabbiner in der Reformsynagoge Hamburg, nannte eine der wichtigsten Aufgaben von Theologie heute, „die Fähigkeit zur Unterscheidung mit der Fähigkeit zu Verbundenheit zusammenzubringen“. Es brauche eine „Brüderlichkeit, die Unterschiede aushält“.
Text: Evangelischer Pressedienst (epd)


