EKvW-Vertreter*innen bei internationaler Tagung in Ruanda zu Gast
Kolonialismus und Mission
Vom 6. bis 10. Oktober fand im Gästehaus der Presbyterianischen Kirche in Karongi am Kivusee (Ruanda) die hochrangig besetzte internationale Tagung „Kolonialismus, Mission und Verantwortung für die Zukunft am Beispiel der Region der Großen Seen in Zentralafrika“ statt.
Das Thema hatte es in sich und die Zusammensetzung der Teilnehmenden aus Ruanda, Tansania, Südafrika, Madagaskar, DR Kongo, Finnland, Schweden, Österreich, Schweiz, Niederlande, Nigeria und Deutschland ließ von Anfang an intensive Diskussionen erwarten.
Die Evangelische Kirche von Westfalen war vertreten durch Dr. Nathalie Eleyth (Bochum), Dr. Alena Höfer (Villigst) und Pfarrerin Dr. Leita Ngoy (Gütersloh), Dr. Albrecht Philipps, LKA Ökumenedezernat, Prof. Dr. Traugott Jähnichen (Bochum) Pfr. i.R. Martin Domke und Pfr. Ingo Stucke (Bielefeld). Martin Domke hat Anfang der neunziger Jahre mit seiner Frau im Ostkongo, damals Zaïre, im Auftrag der VEM gearbeitet.
Menschen bekommen bis heute fast überall die Folgen des Kolonialismus zu spüren. So mussten auch ehemalige „Missionare und Missionarinnen“ sich diesen Fragen stellen, konnten aber von der Zeit des Übergangs der Vereinten Evangelischen Mission von einer traditionellen Missionsgesellschaft hin zu einer internationalen Kirchengemeinschaft erzählen. Es wurde deutlich, dass die Rolle der Mission und der Missionar*innen in den Zeiten des deutschen Kolonialismus längst nicht so einseitig „kolonial“ gewesen ist, wie es die meisten wahrscheinlich annehmen.
Koloniales Denken und unreflektiertes Reden über „Afrika“ bestimmen allerdings noch immer den wissenschaftlichen Diskurs, kirchliches Leben und den Alltag. Wie können wir das in Zukunft vermeiden? Was muss sich ändern, gerade auch im kirchlichen Leben und im theologischen Diskurs?
Angesichts der zum Teil hoch emotionalen Themen waren die Tage durch sachliche, ruhige und tiefgehende Diskussionen geprägt. Eine Ausnahme machte lediglich die Debatte um die Lage in Israel-Palästina, nach einem ausführlichen Vortrag von Bischof a. D. Heinrich Bedford-Strohm über die aktuellen Themen im Weltkirchenrat. Hier kam es zu einem sehr robusten Austausch der unterschiedlichen Positionen.
Bildung als ein wesentlicher Teil des Lebens hat sich im Postkolonialismus ebenfalls vor allem durch die vielfältigen internationalen Kontakte verändert. Zwar werden im globalen Süden immer noch alte, europäisch geprägte Schulformen und Erziehungsmodelle angewendet. Aber Bildung und Erziehung bieten in neuen, international anerkannten Systemen jungen Menschen inzwischen überall die Chance auf ein alters- und situationsbezogenes Lernen.
Wo die kolonialen Strukturen überwunden werden, die Lehrpläne und Unterrichtsformen an den entsprechenden Kontext angepasst und die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in den jeweiligen Kirchen mehr Priorität bekommen, sind die Überwindung kolonialer Haltungen – auf beiden Seiten! – und die Übernahme von Verantwortung für die Zukunft möglich. Das gilt explizit auch für den deutschen Bildungssektor. Allen ist klar, diese Prozesse sind weder in Kirche noch im Bildungssektor zu Ende.
Pfingstkirchen haben (nicht nur) in Afrika inzwischen die meisten Mitglieder. Waren von Anfang an immer nur lokale Leitungspersonen berufen, hatten allerdings die geldgebenden Kirchen vor allem aus dem Norden natürlich ebenfalls ein koloniales Weltbild, das sich zum Teil bis heute durchzieht. Könnte es sein, dass die so genannten „traditionellen Missionskirchen“ mit ihren Hierarchien, die über Jahrzehnte von Europäer*innen dominiert wurden, nur schwer Veränderungen umsetzen können, während die Pfingstkirchen hier wesentlich flexibler sind? Gibt es Überschneidungen und gegenseitige Erfahrungen, die auszutauschen sich lohnen würde, um Kolonialismus und Rassismus zu überwinden und ein grenzübergreifendes christliches Zeugnis auf den Weg zu bringen?
Die Abschlusserklärung unterstreicht die dringend notwendige Aufarbeitung kolonialer Verhaltensmuster und ihrer Ursachen in allen Lebensbereichen und auf allen Seiten. Im Blick auf die zukünftige Verantwortung für kommende Generationen geht die Erklärung noch einen Schritt weiter: In einem 12-Punkte Papier wird die Notwendigkeit konkreter Schritte betont, um den strukturellen und in vielen Köpfen noch immer vorherrschenden Kolonialismus zu überwinden.


