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Der scheidende Landesjugendpfarrer Udo Bußmann im Gespräch

„Wir machen nicht - wir ermöglichen“

Seit 1998 war er Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche von Westfalen: Udo Bußmann (65) ist jetzt in den Ruhestand verabschiedet worden. Im Gespräch blickt er zurück und nach vorne.

Fast 22 Jahre – eine lange Zeit. Beginnen wir mit einem Rückblick: Wie war die Situation der Evangelischen Jugendarbeit in Westfalen 1998?

Udo Bußmann: Die Jugendsynode unter dem Motto „Ohne uns sieht eure Kirche alt aus“ lag noch nicht lange zurück. Das war ein Aufbruch, eine Wegmarke. Nebenbei: Wir waren damals sehr stolz, dass wir alle Ergebnisse dieser Synode auf einer interaktiven CD hatten – das Modernste, was man sich vorstellen konnte.

Ein Schlüsselerlebnis hatte ich auf einer Demo in Düsseldorf im September 1998 gegen die Kürzungen im Jugendplan des Landes NRW. Da stand eine junge Frau, die den Satz rief: „Ich will nicht auffällig werden, damit ihr mich wahrnehmt!“ In dem Moment war mir klar: Evangelische Jugendarbeit richtet sich an alle, nicht nur an die „Bedürftigen“. Wir haben dann gemeinsam im Amt für Jugendarbeit eine Art Programm erarbeitet, es nannte sich „Unterwegs im Namen des Herrn“. Das enthielt von Verkündigung bis Sport für 23 Handlungsfelder Positionen, Ziele und Perspektiven. Für mich, der ich von Jugendverbandsarbeit wenig Ahnung hatte, war das in meinem ersten Jahr als Landesjugendpfarrer die pure Fortbildung.

Wie hat sich das Verhältnis zwischen Jugendverbänden wie zum Beispiel CVJM und der verfassten Kirche dann entwickelt?

Es hat sich geklärt. Die Arbeit der Verbände ist heute selbstverständlich in den Gemeinden und Kirchenkreisen integriert. Wenn wir über Christentum reden, sprechen wir über mehr als über die verfasste Kirche. Dafür sind die Verbände ein starkes Zeichen. Sie zeigen: Neues kann entstehen, wo man es nicht vermutet. Bei der Fridays-for-Future-Bewegung etwa sind viele dabei, die aus der Evangelischen Jugend kommen. Alte Richtungsstreitigkeiten sind Vergangenheit.

Der Gegensatz zwischen fromm und politisch?

Genau. In den Verbänden ist alles nicht mehr so verkniffen. Und in der gemeindlichen Jugendarbeit singt man heute eben auch Lobpreislieder, auch wenn man sich nicht unbedingt immer mit den Texten identifiziert. Es ist längst klar, dass die Frömmigkeit in aktives Handeln, in soziales Engagement mündet, auch in politischen Einsatz.

Ein Beispiel?

Ein glänzendes Beispiel dafür sind die Südstadtgärten in Iserlohn. Hier geschieht auf der Grundlage tiefen Glaubens eine vorbildliche soziale Arbeit an Flüchtlingen und anderen.

Vieles deutet darauf hin, dass das Interesse an Kirche und Glauben derzeit nicht besonders groß ist, auch nicht bei Jugendlichen. Wo kann Evangelische Jugendarbeit da ansetzen?

Wir beobachten seit geraumer Zeit eine Wiederkehr des Religiösen – das hat aber noch lange nichts mit Christentum zu tun. Viele Menschen suchen sich da und dort Versatzstücke und basteln sich daraus eine individuelle Religion.

Wie kann Kirche, besonders mit Blick auf Kinder und Jugendliche, damit umgehen?

Was wir anbieten, muss sich auf dem Markt behaupten. Neben uns sind viele weitere Anbieter, auch sehr attraktive, und manchmal ist es zufällig, wer wo landet.

Was also tun, damit möglichst viele bei der Evangelischen Jugend landen?

Unser Angebot auf dem Markt muss so etwas sein wie eine Karawanserei. Da gibt es potentiell alles: Essen, Übernachtung, Pflege für die Tiere, kommunikativen Austausch. Im Klartext: Von Spiritualität bis Erholung, von Bildung bis Sport finden Heranwachsende, was sie interessiert – mit unterschiedlichen Bindungsfristen. Aber womit sie sich letztlich beschäftigen, bestimmen sie selbst. Und die Beschäftigten verstehen sich als Ermöglicher.

Aber wo bleibt dann das eigene Profil?

Es wird darin deutlich, dass wir ein Gegenprogramm haben zu dem gängigen Denken, wonach jeder für sich selbst verantwortlich ist, jeder seines Glückes Schmied. Das wird sehr schnell brüchig, wenn Schicksalsschläge kommen, wenn plötzliche Störungen das scheinbar Selbstverständliche in Frage stellen, ins Wanken bringen – ob Corona oder ein schlimmer Autounfall.

Was kann Evangelische Jugendarbeit dann bieten?

Keine fertigen Antworten und einfachen Erklärungen. Vielmehr: Denkbewegungen, die Heranwachsenden bei der Bewältigung ihres Lebens Perspektiven geben.

Wie kann das konkret aussehen?

Wir haben zum Beispiel Orte, wo Geschichten erzählt werden. Ich komme ursprünglich vom Kindergottesdienst her und weiß: Geschichten haben einen Selbstwert. Es geht zunächst gar nicht darum, gleich eine Deutung mitzuliefern. Wir haben so viele starke biblische Geschichten, die durch die Kraft des Erzählens wirken.

Und für diese und andere Erfahrungen schaffen wir Gelegenheiten. Evangelische Jugendarbeit braucht, wie gesagt, Ermöglicher. Wir machen nicht - wir ermöglichen. Hier kommt die Kreativität unzähliger Menschen ins Spiel. Das geschieht vor Ort. Ein Konzept, das in Greifswald ausgedacht wurde, wird in Herne nicht funktionieren.

Ein Rat für den Nachfolger?

Der Landesjugendpfarrer muss sich immer gewiss sein, dass er seine Aufgabe nicht bewältigen wird, wenn das Amt für Jugendarbeit nicht hinter ihm steht. Klare Strukturen sind Grundvoraussetzung. Und er darf die Jugendkammer, in der die Verbände und Kirchenkreise vertreten sind, nicht verprellen, sondern muss ihr Freiräume lassen.

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