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Raum für Trauer in Pandemie-Zeiten / Präses Annette Kurschus beim Treffpunkt Gendarmenmarkt der EKD

„Das Sterben und der Tod werden zunehmend vom Leben ferngehalten“

Präses Annette Kurschus und Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau sprachen beim „Treffpunkt Gendarmenmarkt“ der EKD darüber, wie Corona-Beschränkungen die Trauerkultur verändern. Wie wichtig der persönliche Abschied ist, daran erinnern eine Gedenkveranstaltung für die Verstorbenen der Corona-Pandemie in Berlin und die ökumenische Woche für das Leben.  

Isolation und Einsamkeit bestimmen in Corona-Zeiten nicht nur den Alltag, sondern auch das Sterben und Trauern vieler Menschen. Vor diesem Hintergrund fragte der Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Prälat Martin Dutzmann, am Dienstagabend (13. April) bei der digitalen Veranstaltung „Treffpunkt Gendarmenmarkt“, wie Trauer trotzdem Raum bekommen kann. Seine Gesprächsgäste waren Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) und stellvertretende Vorsitzende des Rates der EKD, und die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Petra Pau.

Ein Tag des Innehaltens: Gedenkfeier für die Verstorbenen der Coronazeit

„80.000 Tote sind eine schier unfassbare Zahl. Wie viele mehr Menschen mögen wohl um diese 80.000 trauern?“, fragte Dutzmann. Es gebe so viele ungehörte letzte Worte und so viele nicht gehaltene Hände, es fehlten so viele bekannter Gesichter bei der Beerdigung. Ein Trost soll die zentrale Gedenkfeier von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Sonntag in Berlin sein. „Auch wenn die Pandemie noch nicht überwunden ist, soll dies ein Tag des Innehaltens sein, der zeigt, dass wir als Gesellschaft Anteil nehmen, die Toten und das Leid der Hinterbliebenen nicht vergessen“, teilte des Bundespräsidialamt mit.

Präses Kurschus hat im April 2015 bei der Trauerfeier für die Hinterbliebenen der Opfer des Germanwings-Absturzes in den französischen Alpen im Kölner Dom gepredigt. „Ich habe gespürt, in allem Schrecken, wie heilsam gemeinsames Trauern sein kann. Unsere Tradition hält Musik, Gesten und Worte bereit, die dabei helfen – etwa Choräle, Gebete und Psalmen“, sagte sie in der Diskussion über kollektives öffentliches Gedenken. Politikerin Pau hat bei den Gedenkveranstaltungen nach den Amokläufen an Schulen in Erfurt und Minden erlebt, „wie wichtig es ist, die Menschen einzubinden und mit ihnen zu sprechen“.  

„Keiner dieser Menschen von Gott vergessen“

Gefragt nach den unterschiedlichen Aufgaben von Staat und Kirche in der Pandemie sagte Kurschus: „Wir halten das Oberlicht offen für eine Kraft, die über unsere eigenen Möglichkeiten hinausgeht.“ Die Kirche gebe einen Trost weiter, den sie selbst empfange: „Wir gedenken der Menschen, die einsam gestorben sind, in der tiefen Gewissheit, dass keiner dieser Menschen von Gott vergessen und aus Gottes Händen gefallen ist.“ Die Corona-Krise sei zugleich wie ein Brennglas, das vorhandene Missstände sichtbar werden lasse, auch mit Blick auf die Trauerkultur. „Das Sterben und der Tod werden zunehmend aus der Öffentlichkeit ausgelagert und vom Leben ferngehalten. Die Tendenz, Sterbende allein zu lassen, hat sich in dramatischer Weise verstärkt“, sagte die Präses. Das Abschiednehmen in kleinstem Kreis sei gegenwärtig notwendig. Dabei brauche das Trauern eine Öffnung und die Erinnerung einen Resonanzraum derer, die die Verstorbenen kannten.

Pau hält körperliche Nähe nicht nur in Begleitung eines Sterbenden für wichtig, sondern auch bei Besuchen in Alten- und Pflegeheimen. „Menschen sind nicht nur an Corona, sondern auch an Einsamkeit gestorben“, sagte sie. Die Politik müsse auch die Folgen ihrer Entscheidungen für die Gesellschaft und ihren Zusammenhalt bedenken. Die Bundestagsabgeordnete der Linken hätte Ostern gerne einen Freiluftgottesdienst besucht und mit Abstand gesungen. „Wir als Entscheidungsträger sind in der beständigen Verantwortung, nicht nur zu erklären, was wir tun, sondern es auch immer wieder zu überprüfen.“

Gedenkakt und Gottesdienst für die Verstorbenen der Coronazeit

Am Gedenkakt am Sonntag, 18. April, um 13 Uhr im Konzerthaus Berlin am Gendarmenmarkt nehmen die Spitzen der Verfassungsorgane und Hinterbliebene teil. Von 10.15 bis 11 Uhr findet ein ökumenischer Gottesdienst in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche statt.
Der Gedenkakt wird unter anderem live im ZDF, im Deutschlandfunk und auf verschiedenen ARD-Hörfunkwellen übertragen.

Woche für das Leben

Die „Woche für das Leben“ unter dem Motto „Leben im Sterben“ beginnt am 17. April um 10.30 Uhr mit einem Auftaktgottesdienst im Livestream aus dem Dom zu Augsburg.

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