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Ökumenischer Klimapilgerweg 2018: Festgottesdienst in Soest mit Präses Annette Kurschus

Mut und Kraft für Richtungswechsel und Neubeginn

Seit zwei Wochen sind sie schon unterwegs – in elf Wochen werden sie ihr Ziel erreichen: die Pilgerinnen und Pilger des ökumenischen Pilgerweges für Klimagerechtigkeit.

Auf ihrer Wanderung vom Rheinland über Westfalen, Hannover, Thüringen, Sachsen und Brandenburg/Berlin zum Weltklimagipfel nach Kattowice (Polen) machten sie am heutigen Sonntag (23. September) in der Soester Wiesenkirche Station. Dort wurden sie von Präses Annette Kurschus begrüßt und feierten gemeinsam Gottesdienst.

Schuld und Sünde, das Bitten um Vergebung und das Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit – das sind die großen Themen des 51. Psalms. Für die leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) starke Bibelworte, die zeigen, „wie tröstlich und befreiend es sein kann, Sünde auszusprechen, sie zu durchdenken. Wie hoffnungsvoll, um Vergebung zu bitten. Und um Veränderung.“ Man könne, so Kurschus, auch ganz anders über Schuld und Sünde tönen. So, dass es Menschen ängstlich mache und niederdrücke, dass es sie klein und mickrig halte. Aber: „Solches Drohen mit Sünde und Schuld hat wenig mit dem zu tun, wie in der Bibel davon die Rede ist: Mit höchstem Ernst. Und zugleich so, dass es erlöst und befreit.“ Denn: „Nicht ich selbst werde das letzte Wort über meine Schuld behalten. Auch nicht irgendein anderer Mensch wird am Ende mein Versagen beurteilen. Sondern Gott allein.“

Über Sünde wird heute in Talkshows statt in den Kirchen verhandelt

Heutzutage, so die Präses, könne man leicht den Eindruck gewinnen, „die Sünde sei aus der Kirche ausgewandert“. Jedenfalls werde – etwa in Predigten – kaum noch von ihr gesprochen. Doch damit sei sie keineswegs aus der Welt. Im Gegenteil: „Statt in Kirchen wird nun in Talkshows über sie verhandelt. Und in sozialen Netzwerken. Und im eigenen schlechten Gewissen. Unaufhörlich wird Schuld zugewiesen, Versagen bloßgestellt. Gnadenlos und mit spürbarer Häme. Lustvoll und unbarmherzig wird beurteilt und verurteilt. Likes und Dislikes für alles und alle zu vergeben ist für viele ein täglicher Sport.“ Das biblische Reden von der Sünde schütze dagegen vor Selbstgerechtigkeit. Es überlasse das letzte Urteil einer Instanz, die nicht nur gerecht, sondern auch barmherzig sei. So – und nur so – habe es Sinn, sich zu verändern. Nur so könne Mut und Kraft gewonnen werden für Richtungswechsel und Neubeginn. Annette Kurschus: „Buße tun heißt das in der Bibel. Umkehren. Die Richtung wechseln.“

Um Veränderung und Umkehr geht es auch auf dem Ökumenischen Pilgerweg für Klimagerechtigkeit, der in diesem Jahr unter dem Motto „Geht doch!“ steht. Denn: „Schuld und Umkehr, Sünde und Neuwerden sind ja nicht bloß Herzenssachen einzelner Grübler und Gottesfragen frommer Leute. Sie sind längst zu großen Menschheitsfragen geworden. Weil die Art, wie wir leben und wirtschaften, die gesamte Schöpfung bedroht und immer mehr Menschen und zahllosen Arten von Lebewesen an die blanke Existenz geht.“ Präses Kurschus dankte den Pilgerinnen und Pilgern für den weiten und anstrengenden Weg, den sie „stellvertretend für uns alle“ gehen. „Ihr Weg führt durch Natur und Industrielandschaften, durch Dörfer und Städte, über Wiesen, Wälder und Äcker. Durch intakte und durch beschädigte Natur. Für diejenigen, die den ganzen Pilgerweg machen, ist es ein Weg über allerlei Grenzen hinweg: zwischen Ländern und Konfessionen, zwischen Lebensstilen und Denkgewohnheiten.“ Mehr als einmal, ahnt Kurschus, werden die Pilgerinnen und Pilger am Ziel neben den Wundern der Schöpfung auch auf deren empfindliche Verletzlichkeit gestoßen sein. Orte aufgesucht haben, an denen Interessen aufeinanderstoßen. Orte, an denen Sorge um Klima und Angst vor Arbeitslosigkeit unversöhnlich aufeinanderprallen. Orte, an denen wirtschaftliche und politische Mächte immer noch nicht die Kraft finden, neu zu denken und neu zu handeln. Der Hambacher Forst, so Kurschus, sei so ein Ort.

Weltklimagipfel: Es geht um lebenswertes Leben

All ihre Eindrücke, Hoffnungen, Wünsche und auch Forderungen werden die Klimapilger mitnehmen nach Kattowice (Polen), wo vom 3. bis 14. Dezember die diesjährige UN-Klimakonferenz stattfindet. Dort geht es dann um die Zukunft von Menschen, Tieren und Pflanzen, von Ländern und Küsten, von Landschaften und Kulturen. Kurzum „Es geht um lebenswertes Leben auf dieser Erde.“ (Annette Kurschus).

Für die Theologin ist der Klimawandel längst nicht nur ein chemisch-physikalisches Problem. Er ist „auch nicht nur ein wirtschaftliches und industrielles Problem. Er ist ein zutiefst menschliches Problem. Und darin eine zutiefst geistliche Angelegenheit.“ Not und Erschrecken allein seien es nicht, die zu einer Umkehr bewegen. Es brauche vielmehr die Verheißung: „Gott will Leben in Fülle – für alle. Auch für unsere Kinder und Kindeskinder.“

Es brauche die Erfahrung und die Gewissheit: „Menschen, die sich mit allem, was nicht so bleiben darf, vor Gott stellen, bleiben nicht mit sich selbst allein. Sie kommen neu in Berührung mit anderen Menschen. Neu in Berührung mit Gott. Durch Schuld und Sünde und Scheitern hindurch. Über eigenes Versagen hinaus. ... Christen glauben, dass selbst die Hölle nicht Hölle bleiben muss. Ja sogar, dass sie es seit Jesus Christus und jenem ersten Ostermorgen schon nicht mehr ist.“ Solcher Glaube könne gar nicht anders als „sich aufmachen und umkehren. Immer wieder. Beflügelt von verrückter Hoffnung. Beseelt von tatkräftigem Vertrauen. Angewiesen auf Gebete. Und stark für lange Wege. Voller Umkehr-Energie.“ (MedienInfo 72/2018)

 

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