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Gelungener Auftakt zur Veranstaltungsreihe „17 Jahrhunderte jüdisches Leben in Westfalen“ in Bielefeld

Musik verbindet jüdische Identität und Geschichte

MedienInfo 44/2021

„Singt Gott ein neues Lied“: Mit diesem Vers aus Psalm 98 beginnt die Geschichte der Musik im Judentum. „Die Psalmen und die Thora sind die Basis für alles, was sich später entwickelt“, sagte Kantor Isidoro Abramowicz bei seinem Vortrag zum Auftakt der Veranstaltungsreihe „17 Jahrhunderte“ in der Bielefelder Synagoge „Beit Tikwa“. Der Referent aus Berlin ließ das Publikum mit dem Volk Israel auf die Reise gehen, streifte Einflüsse von Ägyptern und Römern auf die jüdische Musik und zeigte anschaulich, wie sich durch die Jahrhunderte Melodien überliefert haben, die heute noch in den Synagogen gesungen werden.

Im Rahmen der Reihe „17 Jahrhunderte“, zu der die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) gemeinsam mit dem Landesverband der jüdischen Gemeinden von Westfalen-Lippe und dem Landesverband progressiver jüdischer Gemeinden in Nordrhein-Westfalen einlädt, sind noch bis Februar 2022 die unterschiedlichsten Aspekte Jüdischen Lebens Thema. „Wir freuen uns sehr, dass die westfälische Landeskirche selbst eine Veranstaltungsreihe zu 1700 Jahre jüdischem Leben in Deutschland aufgelegt hat und alle elf jüdischen Gemeinden einbezogen hat“, sagte Irith Michelsohn, Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Bielefeld und Geschäftsführerin des Landesverbands progressiver jüdischer Gemeinden in NRW, zur Begrüßung vor zahlreichen Gästen, unter ihnen Bielefelds Oberbürgermeister Pit Clausen.

Präses Annette Kurschus, leitende Geistliche der westfälischen Landeskirche, führte mit Worten aus der hebräischen Bibel in den Abend ein: „Sie werden in Synagogen gesungen und auch in Kirchen; sie stammen von Menschen jüdischen Glaubens, und wir Christinnen und Christen stimmen in sie ein.“ Glaube komme nicht aus ohne Musik, „das Lob Gottes braucht viele Töne und Klangfarben; Lieder verbinden uns über Länder und Kontinente, über Religionen und Kulturen hinweg“, sagte die Präses. Es sei nicht selbstverständlich, dass Christinnen und Christen in hebräische Worte und Melodien jüdischer Herkunft einstimmen dürften angesichts einer jahrhundertelangen Geschichte der Ablehnung und Verfolgung. „Genau so ist es auch für diese gesamte Vortragsreihe geplant: Wir Christinnen und Christen wollen in erster Linie zuhören. Wollen uns etwas sagen lassen von jüdischer Seite; sind neugierig darauf zu hören, was Ihren Glauben ausmacht, von welchen Traditionen Sie leben, welche Erfahrungen Sie prägen und wie es Ihnen heute geht in unserem Land. Wir wollen uns sagen lassen, was es heute bedeutet, als Jude und Jüdin in Deutschland zu leben“, so Kurschus.

Abramowicz, Kantor in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, zeigte sehr anschaulich und stimmgewaltig, wie der Gesang der Thora Jubel und Trauer verbindet. Die Psalmen berichten auch von Instrumenten, von Flöte, Zither und Saitenspiel. „Mit der Zerstörung der Tempel schwiegen auch die Instrumente für religiöse Zwecke“, berichtete der Kantor. Die Melodien für die Thoralesungen seien lange Zeit nur mündlich überliefert worden, bis im 13. Jahrhundert die ersten Musikzeichen zur Schrift notiert wurden. Die erste Orgel ließ Rabbiner Israel Jacobson in Seesen bauen, das Instrument von 1818 wurde mit der dortigen Synagoge, dem „Jacobstempel“, in der Pogromnacht 1938 zerstört. Die Komponisten Giacomo Meyerbeer und Salomon Sulzer begründeten im 19. Jahrhundert schließlich die Chorgeschichte des Judentums. „Alles hat ein Stück jüdische Identität, in der Musik verbinden wir uns mit unseren Vorfahren und mit unserer Geschichte“, fasste Abramowicz seinen unterhaltsamen Ritt durch fast drei Jahrtausende zusammen.

Hintergrund

Unter dem Motto „2021 – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ wird im laufenden Jahr an die erste urkundliche Erwähnung von Juden in Deutschland im Jahr 321 erinnert. Bundesweit thematisiert eine Vielzahl von Veranstaltungen und Publikationen die Geschichte und Gegenwart des Judentums in Deutschland. Die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) ist Mitglied des Vereins „2021 – 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ und unterstützt dessen Anliegen, jüdisches Leben in seiner Vielfalt sichtbar zu machen und gegen den erstarkenden Antisemitismus vorzugehen.

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