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Tagung in Bethel blickte aus historischer Perspektive in die Zukunft

‚Modell Volkskirche‘ – ein Auslaufmodell?

Zwei Tage lang befasste sich die Konferenz der Kommission für kirchliche Zeitgeschichte der Evangelischen Kirche von Westfalen mit Strukturen, Praxis und Perspektiven des ‚Modells Volkskirche‘ und beleuchtete das Modell in der Rückschau über ein „Jahrhundert im Wandel“.

„Volkskirche ja – aber wie?“ zitierte Landeskirchenrat Vicco v. Bülow in seiner Begrüßung zur Tagung eine Frage des ehemaligen westfälischen Präses Ernst Wilm. „Eine Frage, der wir uns auch heute stellen müssen, wenn wir die Spannung nicht nach einer Seite auflösen wollen. Und in dieser Tagung wollen wir uns ihr stellen“, so Vicco v. Bülow, der quarantänebedingt nicht selbst in der Betheler ‚Neuen Schmiede‘, dem Ort der Veranstaltung, sein konnte. An seiner Statt verlas Archivleiterin Ingrun Osterfinke seine Begrüßungsworte.

In hochkarätigen Vorträgen beleuchteten mehrere Referentinnen und Referenten unterschiedliche historische Entwicklungen und Stationen des Volkskirchen-Modells. Vorgestellt wurden unter anderem die Gemeindepflege der Sareptadiakonissen in Westfalen und im Ruhrgebiet, konkurrierende Konzeptionen von Volkskirche in der Zeit des Nationalsozialismus, Überlegungen zum Volkskirchenbegriff in der ehemaligen DDR oder Aspekte der Kirchenkritik um 1968.

Ob und in welcher Weise Idee und Modell einer Volkskirche Zukunft haben, damit befasste sich eine abendliche Podiumsdiskussion. Unter der Moderation von Reinhard Mawick, Chefredakteur des Magazins ‚Zeitzeichen‘, diskutierten der Anhalter Kirchenpräsident Joachim Liebig, der Bischöfliche Generalvikar im Bistum Essen Klaus Pfeffer und der ehemalige theologische Vizepräsident der Evangelischen Kirche von Westfalen Albert Henz. Er vertrat die Präses der Landeskirche Annette Kurschus, die ihre Teilnahme kurzfristig absagen musste.

Nominell, so waren sich die Podiumsteilnehmer einig, wird es angesichts stetig sinkender Mitgliederzahlen immer schwieriger, von einer Volkskirche in Deutschland zu sprechen. Dieser Tage gehören erstmals weniger als 50 Prozent der Menschen in Deutschland einer der beiden großen Kirchen an. In Anhalt, dem Gebiet der kleinsten EKD-Gliedkirche, sind lediglich noch maximal 14 Prozent der Bürgerinnen und Bürger Kirchenmitglied, so Anhalts Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Dennoch könne weiter von einer ‚Volkskirche‘ gesprochen werden, wenn die Botschaft der Kirche an alle Menschen gewiesen bleibe, so Liebig. Albert Henz verwies in diesem Zusammenhang auf die Botschaft der Weihnachtsgeschichte, die „allem Volk widerfahren“ sei, wie es das Lukas-Evangelium berichte.

Klaus Pfeffer kritisierte den Anspruch zahlreicher Vertreter seiner, der katholischen Kirche, an althergebrachten Vorstellungen von kirchlichen Leben und Formen festzuhalten. So verstanden beschreibe das Modell der Volkskirche eine Kirche der Vergangenheit, so Pfeffer. Zu viele Menschen würden die Entwicklung der Gesellschaft verkennen. „Die Zeit der Volkskirche ist vorbei“, sagte der Essener Generalvikar. Es sei dringend geboten, dass Kirche sich erheblich pluraler und diverser aufstelle. In Bezug auf die veränderte Sicht auf inhaltliche Herausforderungen wie die Sexual- oder Ehemoral skizzierte Pfeffer die Möglichkeit einer bevorstehenden „katholischen Revolution“.

Alt-Vizepräsident Albert Henz verwies auf die Notwendigkeit von Identitätsbildung und eindeutiger Haltung. Das gelinge mittlerweile im Bereich der Diakonie besser als in amtskirchlichen Bezügen. Er beschrieb eine gegensätzliche Entwicklung in Kirche und Diakonie der vergangenen Jahre. Während sich diakonische Einrichtungen wirtschaftlich konsolidiert hätten und kontinuierlich wüchsen, verliere die verfasste Kirche mehr und mehr Mitglieder. Henz erinnerte an die frühe Christenheit als Bewegung. Kirche müsse wieder den Charakter einer inhaltlich motivierten Bewegung erreichen, um die Menschen zu erreichen.

Einigkeit herrschte auf dem Podium über die Notwendigkeit, grundlegende Veränderungen in den beiden großen christlichen Kirchen herbeizuführen. Die Haltung, es müsse alles bleiben, wie es ist, dürfe nicht weiter vorherrschen, so Kirchenpräsident Joachim Liebig: „Das Selbstreferentielle ist unser Ende.“

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