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Gemeinsamer Studientag von Evangelischer Kirche und Neuapostolischer Kirche

„Gut zuhören und intensiv nachfragen“

Am ersten großen offiziellen Treffen zwischen der Evangelischen Kirche von Westfalen und der Neuapostolischen Kirche (NAK) Westdeutschland haben rund 100 Christinnen und Christen beider Kirchen am Wochenende teilgenommen. Der gemeinsame Studientag in der evangelischen Tagungsstätte Haus Villigst stand unter dem Titel „Annäherungen“.

Nach Jahrzehnten gegenseitiger Distanzierungen sollte nach intensiven Begegnungen und Gesprächen „Gemeinschaft spürbar werden“, hieß es. Die Neuapostolische Kirche ist seit vergangenem Jahr Gastmitglied in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Nordrhein-Westfalen (ACK-NRW). Die NAK hat in den beiden vergangenen Jahrzehnten ihr Selbstverständnis grundlegend erneuert. Bundesweit zählt sie rund 1.600 Gemeinden mit 330.000 Mitgliedern, in NRW sind es 115.000.

Die westfälische Präses Dr. h. c. Annette Kurschus wünschte sich, dass das gegenseitige Vertrauen gestärkt werde und neue Beziehungen wachsen, um gemeinsam ökumenische Aufgaben zu bewältigen. Der „Weg der Annäherungen“ über theologische Fragen und die jeweilige kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Profil sei über viele Jahre mit Achtung und Respekt beschritten worden, sagte die leitende Theologin. Der mühsame, bisweilen schmerzhafte Prozess habe beide Kirchen mehr und mehr zusammengeführt.

Kurschus erinnerte daran, dass die Neuapostolische Kirche jahrzehntelang als Sekte galt. So durften ihre Mitglieder früher nicht Taufpaten in der westfälischen Kirche werden. Mit ihrem neuen Katechismus (2012) ebnete die NAK schließlich den Weg, um aufeinander zugehen zu können. Die westfälische Kirche habe ihre Taufordnung einstimmig geändert, neuapostolische Mitglieder können nun Taufpaten sein. Auch Gebäude würden heute gemeinsam genutzt. Erste Gespräche auf Kirchenleitungsebene fanden bereits vor etwa 25 Jahren  statt und waren zuletzt intensiviert worden.
Es gebe mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede, unterstrich der neuapostolische Bezirksapostel Rainer Storck. Nach dem zutreffenden Motto „Annäherungen“ müssten diese gemeinsamen Anliegen nun gefördert werden. Christen bräuchten einander und müssten gemeinsam eintreten, wenn Menschenreche verletzt werden und Ungerechtigkeit herrscht. Bei dem Annäherungsprozess sei es gelungen, „dass wir uns verstehen“ und die jeweils eigenen Profile erhalten blieben. Für einen Austausch „ohne Argwohn“, bei dem es Fremdes geben werde, warb der Herforder Superintendent Michael Krause.

In seinem Impulsvortrag „Kirche im Wandel“ skizzierte Bischof Peter Johanning die Lehre der Neuapostolischen Kirche als Weltkirche vor und nach dem Katechismus von 2012. Der eigene Weg der Öffnung begann mit Schweigen und Abweisung in den 1960er Jahren und reichte über die Gründung einer Projektgruppe Ökumene 1999, einer Überarbeitung des Glaubensbekenntnisses, einer Reform der Gottesdienst-Liturgie im Jahr 2010 bis hin zu einem neuen Kirchenverständnis mit Veröffentlichung des Katechismus sowie der Aufnahme als Gastmitglied in der ACK.Auch Johanning warb für mehr Verbundenheit untereinander über Konfessionsgrenzen hinaus und neue Ansätze für mehr Evangelisation. Er beklagte, dass Christen häufig zu wenig über ihren eigenen Glauben wüssten. Veränderungen seien auch für die kirchliche Lehre unverzichtbar, unterstrich der Bischof. Allerdings nicht, um „anderen“ zu gefallen. Der Wandel bleibe eine Herausforderung, „um Kirche zu gestalten.“

Über die Erfahrungen mit der Neuapostolischen Kirche in Westfalen und den Perspektivwechsel der Landeskirche sprach der westfälische Pfarrer Andreas Hahn. Der neue Katechismus der NAK habe dabei Wirkung nach innen und außen gezeigt. Veränderungen können von leitendenden Gremien beschlossen „oder vielleicht sogar verordnet werden, aber sie müssen ihren Niederschlag auch in der konkreten Gemeindearbeit finden.“ Dieser Aufbruch sei auch in evangelischen Kirchengemeinden wahrgenommen worden, etwa durch Interesse an ökumenischen Themen oder nach kirchenübergreifenden Trauungen. Grundlegende kirchlich-theologische Fragen wie Taufe, Endzeitlehren und der Umgang mi dem Katechismus seien mitunter kontrovers diskutiert worden, so Hahn, der in Westfalen als Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen den Prozess begleitete.

In mehreren Arbeitsgruppen trafen sich die Teilnehmenden und berieten beispielsweise über ökumenische Aktionen vor Ort oder tauschten sich über Sakramente und Segenshandlungen aus. Auch Unterschiede beim Amts- und Kirchenverständnis wurden diskutiert. „Wir sitzen alle in einem Boot“, sagte die ACK-NRW-Vorsitzende und westfälische Pfarrerin Annette Muhr-Nelson (Dortmund). Sie wünschte sich angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen in Anlehnung an das Stuttgarter Schuldbekenntnis des Ökumenischen Rates der Kirchen von 1945, dass Christen heute mutiger bekennen, treuer beten und fröhlicher glauben. Landeskirchenrat Dr. Vicco von Bülow (Bielefeld) sagte am Tagungsende, er erwarte eine neue Dynamik in der Ökumene. Aus Annäherungen sei Nähe geworden; darüber könne man sich nur freuen..

Die NAK ist nach der römisch-katholischen und der evangelischen Kirche die drittgrößte Kirche in Deutschland und in vielen Ortschaften mit Gotteshäusern präsent.         Text: Dirk Johnen/EKvW; Fotos: Jessica Krämer, NAK

 

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