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Landeskirche stärkt Notfallseelsorge: Eine Pfarrerin und vier Pfarrer in ihre Ämter eingeführt

„Erste Hilfe für die Seele“ – Tag und Nacht

Manchmal sind sie einfach nur da. Sie trösten. Hören zu. Halten aus. Die ohnmächtige Stille ebenso wie den verzweifelten Schmerzensschrei. Sie unterstützen Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte bei der Krisenintervention, kümmern sich um Hinterbliebene und traumatisierte Helfer. Kurzum: Sie leisten „Erste Hilfe für die Seele“ und damit einen unverzichtbaren Dienst für die Gesellschaft: Notfallseelsorgerinnen und Notfallseelsorger.

Als praktizierte Nächstenliebe ist und bleibt Seelsorge – das Helfen von Menschen in Not – kirchliches Kerngeschäft. Auch für die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW). Und das hat sie jetzt mit der Schaffung von fünf neuen landeskirchlichen Regionalpfarrstellen für die Notfallseelsorge manifestiert. Am Samstag (2. März) wurden Pfarrerin Alexandra Hippchen (Region Münsterland) sowie die Pfarrer Ingo Janzen (Region Hellweg), Matthias Rausch (Region Ostwestfalen), Frank Rüter (Region Region Südwestfalen) und Peter Rutz (Region Ruhrgebiet) von Kirchenrätin Daniela Fricke (LKA Bielefeld), Ralf Radix, Pfarrer für Notfallseelsorge, Seelsorge in Feuerwehr und Rettungsdienst (IAFW Villigst), und Superintendent Jürgen Tiemann (KK Minden) in der Schwerter St. Viktor-Kirche in ihre neuen Ämter eingeführt.

Im Notfall unverzüglich da sein – Tag und Nacht

„Gott tröstet uns in jeder bedrängten Lage, so dass wir andere, die auf so viele Weisen bedrängt sind, trösten können mit dem Trost, mit dem wir selbst von Gott getröstet werden.“: So steht es im 2. Paulusbrief an die Korinther, Kapitel 1, Vers 4. Und genau diesem Trost widmete sich auch Kirchenrätin Daniela Fricke in ihrer Einführungsansprache: „Substanzielle, existenzielle Glaubenserfahrung liegt in diesen Worten. Da weiß einer, was es bedeutet, nicht ganz bei Trost zu sein, sich ganz und gar untröstlich zu glauben. Und dann zu erleben, wie Gott, der Vater unseres Herrn Jesus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, da ist und nah ist. In dem einen lichten Gedanken, der urplötzlich im Gebet aufscheint und aus dem dunklen Tal herausweist, in einer helfenden Hand, einem freundlichen Antlitz, einem Menschen, auf dessen lilafarbener Jacke das Wort Notfallseelsorge zu lesen ist.“

In Seinem Dienst, so Fricke, sei Getrostsein kein Selbstzweck. Und „Unterwegs im Namen des Herrn“ sei immer auch eine „gemeinsame Bewegung, im Nehmen und Geben, im unverdienten Empfangen und mit vollen Herzen und Händen austeilen.“ Und so unterschiedlich jede der Pfarrstellen in den fünf Regionen der westfälischen Landeskirche mit ihren spezifischen Gegebenheiten und Herausforderungen, unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Playern im System auch sei, so bildeten die fünf Neuen doch ein Team, zu dem auch Pfarrer Ralf Radix, die Synodalbeauftragten in den Kirchenkreisen, die vielen, vielen Ehrenamtlichen sowie Partnerinnen und Partner in Kirchen und Städten gehörten. Immer wieder komme einem das „unplanbare, unberechenbare, manchmal unfassbar grausame Leben“ mit voller Wucht in die Quere. Und dann, so Fricke, ist es „eure Aufgabe, im Notfall unverzüglich da zu sein, dafür zu sorgen, dass Tag und Nacht und überall Menschen dazu in Bereitschaft und in der Lage sind“.

„Wir kommen mit nichts als uns selbst“

Dass Notfallseelsorger keine Einzelkämpfer, sondern passionierte Teamworker sind – das steht auch für Alexandra Hippchen und Peter Rutz außer Frage. In ihrer Dialogpredigt zu Markus 6, 7-13 („Die Aussendung der Zwölf“) ging es um Sendungsbewusstsein, Nächstenliebe und den eigenen Glauben als Trost- und Kraftquelle. Für Rutz ist Notfallseelsorge immer auch Auftrag Gottes und Ausdruck des Doppelgebots der Liebe: „Gott lieben mit aller Kraft und den Nächsten wie sich selbst. Der Nächste ist immer der, der gerade Hilfe braucht.“ Kirche für Andere sein lautet die Konsequenz. Und das ganz oft einfach so. Wie die Jünger bei Markus. Ohne überflüssiges Gepäck, ohne materielle Sicherheiten, ohne feste Pläne. Denn: „Es gibt keine Sicherheiten im Umgang mit Verzagten!“, weiß Hippchen aus Erfahrung. „Ich kenne nicht ihren Schmerz und weiß nicht um die Tiefe ihrer Trauer. Ihren Schrecken kann ich nur ahnen, und ihre Verlorenheit im plötzlichen Chaos macht sie einsam und verletzbar.“ Dann müsse sie sich an den Menschen herantasten mit nichts als dem Wort, das mal zu sprechen und mal nicht auszusprechen sei. Was trage, sei die „Gewissheit, dass wir dem Nächsten ein Trost sein sollen und können. Darum müssen wir nicht weglaufen, wenn Menschen den Tod ihrer Liebsten aushalten müssen. Wir können bleiben und hören und manchmal einen ersten Weg aus dem Chaos weisen, weil wir mit nichts kommen als uns selbst!“ Es sei in der Tat wenig, was sie zur Verfügung hätten, findet auch Rutz. Aber das sei gut so! Denn Notfallseelsorger seien keine Manager des Trostes. „Wir bleiben, wir schweigen, wir sprechen, in der Hoffnung, dass wir das je zur richtigen Zeit tun. Wir wissen um unsere Begrenztheit, aber wir wissen auch um das Heil, das wir in schlimmen Zeiten bringen können.“

Projekt beispielhafter ökumenischer Kooperation

Nach dem Gottesdienst gab es für die fünf neu in ihre Ämter Eingeführten zahlreiche Glückwünsche und Gratulationen. Drei davon mit einem offiziellen Grußwort. Pastoralreferent Bernd Kersken, Leiter des Referats Notfallseelsorge im Bistum Münster, überbrachte die Grüße der drei (Erz-)Bistümer auf westfälischem Terrain: des Bistums Münster, des Bistums Essen und des Erzbistums Paderborn. Für ihn ist Notfallseelsorge ein „Projekt beispielhafter ökumenischer Kooperation“ und „das rasche Kommen christlicher Hirten immer schon wichtiger Bestandteil des pastoralen Dienstes“. Dabei im Blick: Petrus und das 9. Kapitel der Apostelgeschichte. Die wichtigsten Aufgaben der Notfallseelsorge seien heute eine Struktur, die Kirche verlässlich erreichbar mache, sowie die fachgerechte Betreuung der Haupt- und Ehrenamtlichen. Superintendent Jürgen Tiemann freute sich – stellvertretend für seine Kolleginnen und Kollegen in den Kirchenkreisen – über die nun seitens der Landeskirche gesicherte professionelle Arbeit der Notfallseelsorge in den Regionen. Und auch Pfarrer Willi Wohlfeil, Sprecher der kreiskirchlichen Synodalbeauftragten, bezeichnete die Schaffung der fünf neuen Pfarrstellen als „Schatz, den wir geschenkt bekommen haben“. Erstmalig. Aber wohl auch einmalig, wie er mit einem Augenzwinkern ergänzte. Auf jeden Fall sei Notfallseelsorge ein ganz „besonderer Dienst mit einer ganz besonderen Gemeinde“. Beruf und Berufung zugleich.

 

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