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NesT auf gutem Wege: Staat und Zivilgesellschaft teilen sich Verantwortung für Integration von Flüchtlingen

Ein Stachel gegen die Gleichgültigkeit

MedienInfo 48/2019
 

Zwei Monate nach dem Beginn des Programms „Neustart im Team“ (NesT) stehen 25 Mentorengruppen bereit, die besonders schutzbedürftige Flüchtlinge aufnehmen werden – 13 davon im Bereich der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW). In dem Programm teilen sich Staat und Zivilgesellschaft die Verantwortung dafür, dass Flüchtlinge begleitet und von Anfang an integriert werden.

Die ersten Flüchtlinge treffen voraussichtlich im September ein. Die Mentoren suchen auch eine Wohnung für sie und übernehmen die Kaltmiete. Die EKvW hat das Programm maßgeblich vorangetrieben und unterstützt die Mentoren aus einem Fonds von 425.000 Euro. 

Wie Oberkirchenrat Dr. Ulrich Möller (Bielefeld) am Mittwoch (24.7.) vor Journalisten in Berlin erläuterte, gibt es mit dem NesT-Programm nach dem Vorbild der kleinen evangelischen Kirchen in Italien nun auch nach Deutschland einen „humanitären Korridor“, der den betreffenden Flüchtlingen die lebensgefährliche Fahrt über das Mittelmeer erspart: „Hier kommen die von der Flüchtlingshilfe der UNO ausgewählten Flüchtlinge bereits mit einem sicheren Bleibestatus an. Sie müssen kein Asylverfahren mehr durchlaufen. Ihre Integration kann sofort beginnen.“ Es sind zunächst 500 Personen in zwei Jahren. Das sei eine kleine Zahl und keine hinreichende Antwort auf das Versagen der europäischen Politik, aber „vielleicht ein Stachel gegen die Gleichgültigkeit, das Wegsehen“. Die Zusammenarbeit von Staat, Kirche und engagierten Einzelnen könne andere animieren und den politisch Verantwortlichen vor Augen führen: „Wir können etwas tun – gemeinsam.“ Die gelingende Integration führe zu mehr Akzeptanz bei jenen, die Sorge haben, dass die Integration die Gesellschaft überfordert. Dann könnten aus den 500 bald 5.000 und mittelfristig sogar 50.000 werden, sagte Möller.

Keine Traumtänzer

„‘Neustart im Team‘ bringt die Werte zum Leuchten, auf die Europa sich gründet. Als Christinnen und Christen bringen wir damit ein, woran wir glauben und wofür wir stehen.“ Edgar L. Born leitet die Zivilgesellschaftliche Kontaktstelle zur Schulung und Begleitung der Mentoren am Institut für Kirche und Gesellschaft der EKvW in Schwerte-Villigst. Dort werden die Mentorinnen und Mentoren für ihre Aufgabe geschult und begleitet. „Das sind engagierte, sehr pragmatische, lösungsorientierte Menschen, gut im Gemeinwesen vernetzt, keine Traumtänzer. Alle hätten sich entschieden, Familien aufzunehmen. „Wir planen Ehrenamt von Anfang ein als selbstbewusstes Element des Programms, weil genau dadurch die Integration gefördert wird.“
Jehan Awan (31) kam 2015 auf der Flucht vor dem Krieg mit Mann und einem kleinen Kind aus Syrien nach Deutschland. Jetzt engagiert sie sich in der Kirchengemeinde Schale in Hopsten im nördlichen Münsterland als Mentorin. Sie möchte etwas zurückgeben von dem Guten, das sie erfuhr: „Ich war so froh, dass Deutschland mich aufgenommen hat.“ Die tatkräftige Hilfe und die menschliche Wärme, die sie erlebte, seien entscheidend dafür, dass sie sich nun hier heimisch fühlt.

Viele Menschen bereit, sich einzusetzen

„Wir brauchen ein Nest, das stark genug ist, die Ängste vor Zuwanderung zu überwinden“, sagte Rüdiger Höcker, Mentor aus Minden. Deshalb seien klare Startbedingungen und die sensible und fachkundige Begleitung durch erfahrene Ehrenamtliche entscheidend. Zu der großen syrischen Community in Minden stehe man in engem Kontakt. 
Martin Dutzmann, der Bevollmächtigte des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) bei der Bundesrepublik Deutschland und der Europäischen Union, sagte: „‘Neustart im Team‘ trägt der Tatsache Rechnung, dass in unseren Kirchengemeinden viele Menschen bereit sind, ihre Zeit, ihre Expertise und auch ihr Geld für besonders schutzbedürftige Menschen einzusetzen. Das können sie nun in einem transparenten und überschaubaren Rahmen tun.“ Dutzmann betonte zugleich die Bedeutung anderer legaler Zugangswege wie Familiennachzug, die darüber nicht vernachlässigt werden dürften, sondern im Gegenteil gestärkt und ausgebaut werden müssten.
Die gegenwärtige humanitäre Katastrophe sei ein „Armutszeugnis für Europa“, erklärte Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland. Aber: „Wir klagen nicht nur an, sondern übernehmen Verantwortung.“ Deshalb sei es gut, dass das NesT-Programm von starken Partnern getragen werde. „Sie ermöglichen eine gezielte und koordinierte Perspektive zur Integration – das ist ein Quantensprung im Vergleich zur Situation vor wenigen Jahren.“

Hintergrund:

NesT ist ein Pilotprojekt, das zusätzlich zu den staatlichen Aufnahmeprogrammen die Aufnahme von zunächst 500 besonders schutzbedürftigen Flüchtlingen ermöglicht. Es ergänzt die Resettlement-Programme der Europäischen Union. Die Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen (UNHCR) unterbreitet dabei Deutschland anhand fester Schutzkriterien Vorschläge für Aufnahmen. Aus ihnen wählt dann das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) besonders schutzbedürftige Personen aus. Das geschieht in enger Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt, den örtlichen Botschaften und den Generalkonsulaten, die die Einreisevisa erteilen. Das Besondere an NesT: Es setzt die Aufnahme über zivilgesellschaftliches Engagement voraus. Es muss sich für die aufzunehmenden Flüchtlinge jeweils eine Mentorengruppe finden, bestehend aus mindestens fünf Personen, die sich verpflichtet, finanzielle und ideelle Unterstützung zu leisten. Die Mentoren werden von einer Zivilgesellschaftlichen Kontaktstelle (ZKS) geschult und begleitet. Einer von drei Standorten dieser ZKS ist im Institut für Kirche und Gesellschaft der Evangelischen Kirche von Westfalen in Schwerte-Villigst angesiedelt, wo ein kompetentes Team zur Verfügung steht.

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