Justizvollzugsbeauftragter bei Konferenz der Gefängnisseelsorge in NRW
„Seelsorge ist unverzichtbarer Anker im Gefängnisalltag“
Wenn Menschen im Gefängnis auf sich selbst zurückgeworfen werden, ist die Seelsorge oft die letzte Brücke zur Außenwelt – und ein wichtiger Faktor für ein menschenwürdiges Miteinander hinter Gittern. Bei der Evangelischen Konferenz der Gefängnisseelsorge in Nordrhein-Westfalen in Bochum haben sich jetzt 18 Seelsorgerinnen und Seelsorger aus den 36 Justizvollzugsanstalten der Evangelischen Kirche von Westfalen, der Evangelischen Kirche im Rheinland sowie der Lippischen Landeskirchen zur jährlichen Herbsttagung versammelt.
Ihre Rolle reicht von praktischem Beistand über die Begleitung in Krisensituationen bis hin zur Förderung eines besseren Anstaltsklimas. Die Seelsorge unterstützt Inhaftierte unabhängig von Herkunft und Straftat, wirkt gegen Ausgrenzung und Hoffnungslosigkeit und ist ein wichtiger Verbündeter für ein gerechtes Miteinander. Deshalb ist der Austausch zwischen Gefängnisseelsorge und Justizvollzug unerlässlich.
Im Mittelpunkt der Konferenz stand ein Zusammentreffen mit Prof. Dr. Michael Kubink, Justizvollzugsbeauftragter des Landes NRW. Ein Gespräch über seine Aufgaben, aktuelle Herausforderungen des Strafvollzugs und die Zusammenarbeit mit der Gefängnisseelsorge.
Herr Prof. Kubink, welche Aufgaben hat ein Justizvollzugsbeauftragter?
Die Einrichtung meines Amtes gibt es seit 2010 in Nordrhein-Westfalen, ich habe sie 2014 übernommen. Meine Arbeit umfasst zwei Schwerpunkte: Zum einen bin ich Ombudsmann und bearbeite Eingaben von Inhaftierten und ihren Angehörigen – meist geht es um Gesundheitsfragen, Anträge auf Lockerungen oder Anliegen betreffend den offenen Vollzug. Zum anderen berate ich das Justizministerium zu konzeptionellen Fragen des Strafvollzugs, etwa bei Reformen oder neuen Ansätzen im Jugendvollzug. Bei den konzeptionellen Überlegungen kommt mir meine nebenamtliche Tätigkeit als Hochschullehrer an der Universität zu Köln zugute. Dort lehre ich an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät und halte als Kriminologe Vorlesungen.
Welche Rolle spielt die Gefängnisseelsorge im Vollzug?
Die Gefängnisseelsorge ist ein unverzichtbarer Anker im Gefängnisalltag. Seelsorgerinnen und Seelsorger sind für die Inhaftierten oft wichtige Vertrauenspersonen, die außerhalb der Vollzugshierarchie stehen und deshalb Sorgen und Nöte anders wahrnehmen als Bedienstete. Sie vertreten die Interessen der Gefangenen, helfen bei der Bewältigung der Isolation und tragen wesentlich zur Verbesserung des Anstaltsklimas bei. In den drei Landeskirchen in NRW sind Seelsorgerinnen und Seelsorger in allen Anstalten im Einsatz und bieten seelischen Beistand unabhängig von Herkunft und Glaube. Für mich als Justizvollzugsbeauftragten ist die Seelsorge zudem ein vertrauensvoller Partner, der neue Einblicke in den Vollzugsalltag gibt und bei der Entwicklung innovativer Konzepte im Strafvollzug mitwirkt.
Welche Themen beschäftigen die Betroffenen besonders?
Die meisten Eingaben kommen von Inhaftierten selbst. Mein Ziel ist es, zwischen allen Beteiligten zu vermitteln, Rechte zu klären und Lösungen für Alltagsprobleme zu finden. Bedienstete wenden sich seltener an mich. Oft geht es um die Frage, wie Resozialisierung im Haftalltag praktisch umgesetzt werden kann – Stichworte sind psychische Belastungen, Suizidprävention oder Integration von Menschen mit Migrationsgeschichte.
Warum ist das Anstaltsklima im Strafvollzug so wichtig?
Ein gutes Anstaltsklima fördert die Motivation der Inhaftierten, unterstützt Behandlungsmaßnahmen und hilft Konflikte zu vermeiden. Das ist tatsächlich wissenschaftlich gut belegt. Es geht darum, trotz der strengen Regeln einen Rest an Autonomie und Gerechtigkeit zu ermöglichen, etwa durch transparente Verfahren und Beteiligung der Gefangenen. Das erleichtert nicht nur einen menschenwürdigen Umgang, sondern hilft auch, dass der Strafvollzug gesetzeskonform und lebensnah funktioniert.
Das Gespräch führte Pfarrerin Susanne Schart, Evangelische Gefängnisseelsorge in der Justizvollzugsanstalt Gelsenkirchen.
