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Nach den Leitlinien von 2004: Anregende Fragen zu Kirche und Kultur

„Kultur ist Verheißung“

Ein Künstler will in der Kirche ausstellen, aber dem Presbyterium gefallen seine Werke nicht. Oder: Ein Kinobetreiber möchte einen Pauschalvertrag mit der Gemeinde abschließen und einmal im Monat einen Film in der Kirche zeigen. Die Gemeinde hätte keinen Einfluss auf das Programm, aber eine hohe und verlässliche Mieteinnahme. Oder: Im Rahmen einer christlich-islamischen Begegnung soll eine Gruppe Derwische vor dem Altar tanzen.

Solche und ähnliche Fragestellungen kommen in Kirchengemeinden immer wieder vor. Wie entscheiden? Die kulturpolitischen Leitlinien und kulturtheologischen Leitfragen, die jetzt erschienen sind, geben darauf keine fertigen oder einfachen Antworten. Sie stellen vielmehr neue Fragen und beschreiben mögliche Kriterien, nach denen im besonderen Fall entschieden werden kann und an denen sich das kulturelle Handeln einer Gemeinde im Allgemeinen ausrichten lässt.

Überraschende Antworten und gedankliche Widerhaken

15 Jahre nach dem Erscheinen der kulturpolitischen Leitlinien „Räume des Glaubens – Räume der Freiheit“ gibt es nun unter dem Titel „Kultur ist Verheißung“ eine erweiterte Neuauflage. Die Broschüre hat drei Teile: Zunächst stellt Thomas Wessel Leitfragen zu Kultur und Theologie. Seine Antworten sind oft überraschend, unfertig, unorthodox, enthalten Denkanstöße und gedankliche Widerhaken. Der Pfarrer, der die Christuskirche Bochum seit Jahren erfolgreich als „Kirche der Kulturen“ verantwortet, ist ein ausgewiesener, ideenreicher Kulturmanager. Ausgehend von der historischen Erfahrung, dass Kultur „zurückschlagen kann in Barbarei“, stellt er die These auf: „Kultur ist die Form der Freiheit, an die wir glauben.“ Protestantische Kultur sieht er in all ihrer Ambivalenz, „sie hat Bilder verboten und das Bild befreit“. Und dem Kulturprotestantismus geht es mit Bonhoeffer darum, die „Gotteswirklichkeit in der Weltwirklichkeit“ wahrzunehmen. Für Wessel heißt das: was ist und was sein könnte, in der Bibel wiederzufinden – „Kulturprotestantismus liest zeitgenössische Werke als biblische“.

Voraussetzung für kulturelles Schaffen war schon ganz zu Beginn, bei den Höhlenmalereien, dass Menschen wenigstens zeitweise vom elementaren Überlebenskampf freigesetzt wurden. Dann kann Freiheit, auch kulturelle Freiheit, das sein, „was entsteht, wenn man sie erprobt“. Dann ist Kultur befreit davon, verzweckt zu werden. In diesem Sinne ruft Wessel in Anlehnung an Immanuel Kant dazu auf: „Habe den Mut, dich deines eigenen Geschmacks zu bedienen.“ Gerade weil das Erkenntnisurteil vollkommen subjektiv ist, ist es frei. So ist Kultur für den Theologen Wessel „die Form der Freiheit, an die wir glauben“. Denn Gott befreit, er beengt nicht. Für die Kirche und ihre Räume bedeutet das: Sie sind öffentliche Räume für die Frage nach Gott. „Ein Spielraum für alle, die Freiheit erproben, um sie zu gewinnen.“

„Raume des Glaubens – Räume der Freiheit“ (2004)

Der zweite Teil zeigt am Beispiel von sechs realistischen Situationen das Spannungsfeld, auf dem Kirche vor Ort in kulturellen Fragen stehen kann. Schließlich werden die kulturpolitischen Leitlinien von 2004 dokumentiert. Ihr Ziel war und ist, die Auseinandersetzung zwischen Kirche einerseits und Kunst und Kultur sowie Kulturpolitik andererseits aufzunehmen und zu fördern. Nach wie vor gilt, dass Vertreter von Kunst, Kultur und Kulturpolitik als Gesprächspartner in die kirchliche Kultur- und Bildungsarbeit einzubeziehen sind. Gleichzeitig geht es darum, das kirchliche Handeln im Bereich Kultur und Künste in all seiner Vielfalt sichtbar zu machen. Kunst und Religion stehen oft in einem Spannungsverhältnis, sagen die Leitlinien: Beide setzen sich mit existenziellen Lebensfragen auseinander und weiten den Blick für Fragen nach Sinn und Zukunft. Während die Kirche aber ihr Wesen und ihren Auftrag aus der Bibel ableitet, kann es für Kunst und Kultur keine vergleichbar bindende Grundlage geben: Sie definieren „den Rahmen ihrer Freiheit mit großer Kreativität immer anders und immer neu“. Es geht der Kirche also nicht darum, Kunst für sich zu vereinnahmen. Vielmehr will sie – bei aller Eindeutigkeit im Bekenntnis - unterschiedlichen Spielarten von gelebtem Glauben Raum geben: „Sie muss offen sein für das Unvorhersehbare und Unberechenbare, denn der Geist Gottes weht, wo er will“.

Kein rundgeschliffener Konsenspapier

Die Fragen und Antworten von Thomas Wessel ergänzen die Leitlinien von 2004 auf eigenwillige Weise, geben ihnen eine Art Hintergrund und regen  gleichzeitig zum Nach- und Weiterdenken an. Mit „Kultur ist Verheißung“ ist einmal kein rundgeschliffener kirchlicher Verlautbarungstext entstanden, kein Konsenspapier, sondern ein heterogenes Dokument mit Ecken und Kanten.

„Kultur ist Verheißung“ beschließt eine fünfteilige ‎Reihe von Arbeitshilfen zum Thema Kultur in der Evangelischen Kirche von Westfalen. In den bisher erschienenen Heften geht es um Kunst, Filme, Literatur und Theater. Zu beziehen über den Kirchenshop Westfalen.

 

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