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auf einen Blick
Erster Westfälischer Tag der Notfallseelsorge am Samstag in Iserlohn

Wenn der Tod ins Leben greift

Über 1.100 Notfallseelsorgerinnen und –seelsorger sind im Bereich der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) nebenamtlich oder ehrenamtlich im Einsatz. 200 davon treffen sich am Samstag, 24. September, in Iserlohn zum 1. Westfälischen Tag der Notfallseelsorge. Einer von ihnen ist Ralf Radix.

Das Notsignal kam kurz nach 19 Uhr. Suizid. Als Pfarrer Radix wenig später die Wohnung betritt, sind drei Sanitäter und der Notarzt bereits da. Sie versuchen, die Ehefrau zu beruhigen. Sie war von der Arbeit nach Hause gekommen wie immer. Eher zufällig ging sie ins Schlafzimmer. Da fand sie ihren Mann, erhängt. Nun schreit sie ihre Verzweiflung heraus, tobt, weint, schimpft. Ralf Radix weiß, dass dieser Ausbruch jetzt notwendig ist. Er geht ruhig auf die Frau zu, nimmt vorsichtig ihre Hand, hält sie fest. Die Witwe, von Krämpfen geschüttelt, schluchzt endlich nur noch leise vor sich hin. Zwei Polizisten treffen ein, stellen Fragen. Eine Dreiviertelstunde ist vergangen, Arzt und Polizei haben ihre Arbeit getan, die Angehörigen und der Bestatter sind verständigt. Man sitzt in der Küche, der Pfarrer fragt die Frau behutsam, ob sie ihren Mann noch einmal sehen will. Nach anfänglichem Zögern nickt sie zaghaft. Am Arm des Seelsorgers geht sie ins Nebenzimmer, bleibt in einiger Entfernung stehen. Es ist ganz still, einige Minuten vergehen, dann wendet sie sich wieder ab, geht zurück. Zwei Söhne sind mittlerweile eingetroffen, eine Nachbarin ist da, die Tochter meldet sich am Telefon. Vieles ist zu regeln und zu besprechen. Nach knapp zwei Stunden verlässt Pfarrer Radix das Haus.

»Wenn das Leben eines Menschen von einer Sekunde auf die andere aus den Fugen gerät, braucht es einen anderen, der zur Stelle ist und aushält, was nicht auszuhalten ist«, beschreibt Präses Annette Kurschus das Anliegen: »Es braucht eine, die zuhören oder gemeinsam schweigen kann und weiß, wann es Zeit ist zu reden, zu beten und zu handeln«, so die leitende Theologin der westfälischen Landeskirche. Die meisten Einsätze sind häusliche Notfälle wie Suizid oder plötzlicher Tod durch Krankheit oder Unfall. »Wir tun, was Pfarrer schon immer getan haben«, erklärt Ralf Radix, der im Institut für Aus-, Fort- und Weiterbildung der EKvW als Pfarrer für Notfallseelsorge arbeitet, »nur in anderer Organisationsform als früher«. In jedem der 28 westfälischen Kirchenkreise gibt es einen Koordinator der Notfallseelsorge: Die Pfarrer, Diakone und ehrenamtlichen Mitarbeiter, alle speziell ausgebildet, sind im Schichtbetrieb rufbereit. »Am Ort des Geschehens gilt es zunächst, die Situation einzuschätzen und dann einfühlsam zu handeln«, sagt der Theologe. »Ein Gespräch, ein gemeinsames Gebet – hier muss der Seelsorger erspüren, was das Richtige ist.« Das gilt natürlich auch auf der Straße, bei tödlichen Unfällen oder beim Überbringen von Todesnachrichten an Angehörige. (Pressemitteilung 51/2016)

 

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