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auf einen Blick
Politikertagung: Praxisbeispiele aus Kommunen und Kirchen

Wenn Armut kein Schicksal ist, was dann?

»Armut ist kein Schicksal, weil...« Diesen Satz sollten die Teilnehmer der Politikertagung der EKvW ergänzen. Am zweiten Tag ging es in Haus Villigst um wegweisende Praxisbeispiele aus Kommunen und Kirchen.

Stiftung Maßarbeit Herford: Gemeinsam Früchte ernten

»Armut ist kein Schicksal, weil wir nicht an das Schicksal glauben«, sagt der Herforder Sozialpfarrer Holger Kasfeld. Das Leben im Vertrauen zu Gott selbst gestalten – dabei hilft die Evangelische Stiftung Maßarbeit im Kirchenkreis Herford Langzeitarbeitslosen, die beraten und qualifiziert werden. »Es ist demütigend, für die Dinge des täglichen Bedarfs betteln zu müssen«, beschreibt eine davon ihre Erfahrungen im Umgang mit Behörden. In dem Projekt »Schritt für Schritt« werden Betroffene zu »Lotsen« ausgebildet, die anderen dabei helfen, Eigeninitiative zu entwickeln. Das geschieht zum Beispiel auf einem Gartengrundstück in Herford, wo man gemeinsam Gemüse anbaut, das der Selbstversorgung dient. Ebenso wichtig dabei ist die gemeinsame Arbeit, deren Früchte man dann – buchstäblich – auch zusammen ernten kann.

Diakonie Dortmund: Seelenpflaster und Kleiderläden

Für Anne Rabenschlag, Geschäftsführerin der Diakonie Dortmund und Lünen, ist Armut »eine generationenübergreifende Falle«. In Dortmund, wo rund 31.000 Menschen ohne Arbeit sind, »vererbt« sich die Armut oft von den Eltern auf die Kinder. Ein diakonisches Sozialkaufhaus und inzwischen fünf Läden »Jacke wie Hose« bieten preiswert gespendete Waren an und schaffen zugleich einige Dutzend Arbeitsplätze. Oder: »Seelenpflaster« - Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern. Hier geht die Diakonie in eine Lücke des Sozialsystems. »Wir kümmern uns um die Kinder, bevor sie so auffällig werden, dass das Jugendamt einschreitet«, erläuterte Anne Rabenschlag. Dazu gibt es Begleitgruppen, in denen die Heranwachsenden darüber sprechen können, warum Mama oder Papa manchmal so komisch sind – meist ein Tabu. Und es gibt entsprechende Fortbildung für Lehrer und Erzieherinnen.
Aber sind »Seelenpflaster« und Kleiderläden nicht nur Kosmetik? »Es ist klar, dass wir damit das Grundproblem nicht lösen können«, sagt die Diakonie-Chefin. Aber es sind exemplarische Hilfen, es sind Modelle, die einen Weg weisen können.

OB Pit Clausen: Brauchen wir wirklich ein achtes Freibad?

Auch für den Bielefelder Oberbürgermeister Pit Clausen sind kurzfristige Aktivitäten, die Armut mildern, unverzichtbar. Aber sie müssten Teil einer Doppelstrategie sein, zu der auch mittelfristige Maßnahmen zur Vorbeugung gegen Armut gehören. Denn: »Armut ist kein Schicksal, weil sie von Menschen gemacht ist und auch von Menschen überwunden werden kann«, findet Clausen, der auch Vorsitzender des Städtetages NRW ist. Auch er sieht eine große Gefahr darin, dass sich mit der Armut eine Passivität verfestigt, wenn etwa Kinder erleben, »dass Mama und Papa den ganzen Tag im Bett liegen und nichts machen, auch nichts machen können, aber trotzdem der Kühlschrank immer voll ist«.
Gerechtigkeit sei stärker nach Bedarf zu gestalten: Kindertageseinrichtungen mit vielen förderungsbedürftigen Kindern, meist in ärmeren Stadtvierteln, bräuchten mehr Personal und damit mehr Geld, das dann woanders nicht ausgegeben werden kann – »aber erklären Sie das mal den Eltern in gut situierten Wohngegenden«. Dass eine Kommune jeden Euro nur einmal ausgeben kann, wird für den Bielefelder OB auch an der Bürgerbefragung um ein achtes Freibad in seiner Stadt spannungsreich deutlich. Er wünscht sich »eine offensivere Diskussion für Gerechtigkeitsentwicklungen«.

Günter Garbrecht: Das Ungleiche ungleich behandeln.

Günter Garbrecht, langjähriger Abgeordneter der SPD im Düsseldorfer Landtag, prangerte leidenschaftlich eine »Lebenslüge der deutschen Politik« an: »Wir müssen mit der Lebenslüge aufräumen, dass kleine Anstöße und kurzfristige Aktionen genügen, um Menschen dauerhaft in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen.« Das sei eben nur langfristig und durch grundlegende Maßnahmen möglich. »Wenn man den Kreislauf durchbrechen will, muss man bei den Kindern anfangen«, forderte der Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landtages NRW. In der Sozialpolitik müsse man den Mut haben, Ungleiches auch ungleich zu behandeln. Also: Angebote nicht »an alle« nach dem Gießkannen-Prinzip, sondern an diejenigen, die es besonders brauchen. Ähnlich wie OB Clausen forderte er, die Mittel der kommunalen Politik auf bestimmte Quartiere zu konzentrieren. Garbrecht: »Armut ist kein Schicksal, weil Armut gemacht wird.«

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