Unsere archivierten Nachrichten
auf einen Blick
Präses Annette Kurschus im Themenjahr «gotteswort – Reformation. Bild. Bibel»: Wir brauchen Freiräume zum Denken und Diskutieren

Von der Schwäche und Stärke der Bilder

Westfalen - Die Idee war nicht schlecht: Zum Jahresempfang der Kirchenleitung sollten einige Flüchtlinge eingeladen werden – als willkommene Gäste, zusammen mit Vertretern von Politik, Wirtschaft, Kultur, Medien. Das hätte das Engagement der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) augenfällig machen können. Auf vielen Ebenen setzt man sich hier für Verfolgte ein, die in Deutschland Zuflucht suchen – sei es in Kirchengemeinden, diakonischen Einrichtungen oder politisch, mit tatkräftiger Hilfe und mit Geld.

Doch zum Jahresampfang kamen keine Flüchtlinge. Präses Annette Kurschus erläuterte den 270 Gästen am Montagabend (22.6.) in Haus Villigst die Gründe für diese Entscheidung.

»Flüchtlinge als Gäste unseres Jahresempfangs – diese Geste hätte sich trefflich ins Bild setzen lassen«, sagte die leitende Theologin der westfälischen Landeskirche. Aber eine solche Einladung hätte Menschen beschämen können. Es könnte verlegen machen oder auch den Stolz verletzen, »wenn ich mich nicht so kleiden kann, wie ich das zu einem solchen Anlass gern täte«. Es könnte als Demütigung empfunden werden, wenn auf dem Einladungsticket unsichtbar geschrieben steht: »Ich bin ein Flüchtling«.
»Einmal mehr wurde mir klar, wie heikel das ist mit den Bildern«, erklärte Präses Kurschus: »Gerade mit denen, die ich gern von mir und unserer Kirche zeige.« Das Jahr 2015 steht in der EKvW unter dem Thema: »gotteswort – Reformation. Bild. Bibel.« Es ist eines der Themenjahre auf dem Weg zum 500-jährigen Reformationsjubiläum 2017.
Im Gegensatz zu den großen, einprägsamen Bildern rückte die Präses die »kleinen Wirklichkeiten« in den Blick. Zum Beispiel »die unspektakuläre Treue, in der sich landauf, landab  Gemeindekreise, Chöre, Kinder- und Jugendgruppen treffen.« Zum Beispiel die Kreativität, mit der Ehrenamtliche ihre Ideen und Begabungen einsetzen. Aber auch die vielschichtigen Entscheidungsprozesse in Gremien, Parlamenten und Ausschüssen lassen sich nicht in Bilder verdichten. Das sei die Schwäche und zugleich die Stärke von Bildern: Für komplizierte Botschaften eignen sie sich nicht. »Unsere alltäglichen Bilder sind eine Art ›Fastfood‹ fürs Auge – das ist ihr Reiz, und das ist ihre Gefahr«, sagte Annette Kurschus. Was nicht im Bild sei, verschwinde aus der öffentlichen Debatte, verzerrte Bilder und schiefe Wahrnehmungen seien die Folge.
In der Zeit der Reformation, aus der vor 500 Jahren die evangelische Kirche hervorging, setzte sich die Erkenntnis durch: Bilder sind nur Bilder, und die Wirklichkeit ist mehr als Bilder. Auf diese Weise seien Freiräume zum Denken und Diskutieren entstanden: »Raum für Bildung. Raum für Gedanken und Worte, Raum für Argumente. Also letztlich der Raum, den eine freiheitliche und plurale Gesellschaft braucht.« Heute brauchen Kirche und Öffentlichkeit solche Räume nötiger denn je, ist Präses Kurschus überzeugt.

Zurück