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auf einen Blick
Präses Annette Kurschus zu Besuch bei der»Schule für Circuskinder in NRW«

Unterricht auf Rädern

Wenn Manjana Köllner eine normale Schule besuchte, fühlte sie sich oft von Mitschülern diskriminiert, ausgegrenzt. Sie war anders als die anderen. Das Zirkuskind, das mit dem Hula Hoop tanzen kann.

Doch gleichzeitig spürte sie gerade deshalb auch eine Neugier, eine Faszination, ein Interesse. Gelernt hat sie da allerdings nicht viel. Wie auch? Alle paar Tage eine andere Schule – da bleibt der Lehrplan auf der Strecke, da kann kein Lehrer-Schüler-Verhältnis entstehen.

Das ist in der »Schule für Circuskinder in NRW der Evangelischen Kirche im Rheinland« ganz anders. Diese Schule kommt zu den Kindern.
Heute ist das mobile Klassenzimmer in Geseke bei Soest. Dort hat der Zirkus Manjana derzeit sein Winterquartier. Es ist ein sonniger Vorfrühlingstag, als Präses Annette Kurschus einen Besuch macht. Die leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen will wissen und verstehen, wie diese mobile Schule funktioniert.

Die Kinder sollen etwas lernen

Der Zirkus Manjana – das spanische Wort bedeutet »der Morgen« – ist eines von rund 300 Zirkusunternehmen, die in Deutschland unterwegs sind, und wie die meisten ein kleiner Familienbetrieb. Siebzehn Menschen, davon zehn Kinder, und vierzehn Tiere: Kamele, Esel, Pferde, Ponys. Direktor Williams Köllner findet die Zirkusschule »phänomenal«. An seine eigene Schulzeit erinnert er sich: »Da wurde man bestaunt, durfte einen Salto vorführen, aber gelernt hat man nichts.« Er legt großen Wert darauf, dass das bei seinen Kindern anders ist.

Ein Wohnmobil mit sechs Schreibtischen

Die Schwestern Manjana und Natalie, vierzehn und dreizehn Jahre alt, sitzen zusammen mit dem fünfjährigen Melano in ihrem Klassenzimmer. Das ist ein umgebautes Wohnmobil mit Platz für sechs Schüler und ihre Lehrer. Die beiden Mädchen arbeiten gerade selbständig, Melano spielt mit seiner Lehrerin Memory – und gewinnt.

Ein halbes Dutzend Kinder zwischen fünf und achtzehn sind es pro Zirkus, die solchen Unterricht auf Rädern erhalten. Das geht nur ganz individuell, wie Schulleiterin Annette Schwer erzählt: »Wir geben den Kindern viel mehr Verantwortung als an einer Regelschule.« Dazu wird der Unterrichtsstoff in »Bausteine« aufgeteilt. Die Kinder entscheiden dann selbst, begleitet von den Lehrerinnen, über ihren eigenen Weg, auf dem sie sich diese Bausteine aneignen und zusammenfügen.

Modellhaft für die Schule von morgen

»Auf die Transparenz des Lernweges legen wir großen Wert«, erklärt Annette Schwer. »Dazu gehören stets die klärenden Fragen: Warum machen wir das? Was soll dabei herauskommen?“« Diese Art des Lernens, das den Kindern sehr viel Verantwortung zuweist, bedeute »Höchstanforderung« auch für die Pädagogen. Doch es sei modellhaft »für die Schule von morgen, in der wir die individuellen Ressourcen der Kinder stärker nutzen«, meint die Schulleiterin nicht ohne Stolz.

Mit Tagen und Stunden jonglieren

Die äußeren Bedingungen – häufige Ortswechsel, Auf- und Abbau, Reisezeiten – erfordern viel Flexibilität bei allen Beteiligten. Nicht nur in der Manege wird jongliert. »Wir jonglieren mit Tagen und Stunden«, sagt die Pädagogin Schwer. Flexibel ist man auch in den Formen der Beschulung: Es gibt in der Winterzeit Kooperationen mit der Schule vor Ort, es gibt an den jeweiligen Gastspielorten Stützpunktschulen mit Bereichslehrkräften. Manche Schüler erhalten auch Fernunterricht: Regelmäßig bekommen sie »Lernpakete«, die sie selbständig bearbeiten und dann an ihren Tutor zurückschicken.

Online-Unterricht im virtuellen Klassenzimmer

Besondere Bedeutung für Schüler, die sich auf die zentralen Abschlussprüfungen vorbereiten, hat der Online-Unterricht im virtuellen Klassenzimmer. Alle Abschlüsse der Sekundarstufe I können in der Zirkuskinderschule erreicht werden.

»Diese Schule leistet etwas scheinbar Unmögliches: Sie verbindet zwei Systeme miteinander, die sich eigentlich gar nicht verbinden lassen«, stellte Präses Kurschus fest. »Das geschieht mit großer Liebe zu den Kindern. Bei den Lehrkräften merkt man: Ihr Herz schlägt für die Zirkusleute.«

»Wir sind von der Schule abhängig.«

Außer in Nordrhein-Westfalen gibt es nur noch in Hessen ein vergleichbares Schulangebot. Und das ist ein Problem. Denn die begehrte Spezialschule führt dazu, dass besonders viele Zirkusse in NRW unterwegs sind und sich hier gegenseitig die Butter vom Brot nehmen. »Wir sind von der Schule abhängig«, sagt Direktor Williams Köllner, der seinen Kindern eine gute Bildung vermitteln will.

Die Rahmenbedingungen haben sich verschlechtert

Das ist wichtiger denn je, denn das Gewerbe der reisenden Akrobaten, Dompteure und Artisten hat es nicht leicht. Rar gewordene Zirkusplätze in den Städten, häufig ablehnende Kommunen, oft unbezahlbare Winterquartiere, strengere Auflagen für die Tierhaltung – all das macht auch dem Zirkus Manjana zu schaffen, berichtet Williams Köllner. Und dann kommt auch noch die verschärfte Konkurrenz der kleinen Familienbetriebe hinzu, die sich wegen der Zirkusschule in einem oder zwei Bundesländern drängen.

Kinder sollen eine gleichwertige Bildung erhalten

Martin L. Treichel engagiert sich dafür, dass sich diese schwierige Situation ändert. Er ist Präsident des bundesweiten »Verbandes zur Förderung der schulischen Bildung und Erziehung von Kindern der Angehörigen reisender Berufsgruppen in Deutschland e.V., kurz BERiD. »Die zuständigen Organe müssen die rechtlichen, pädagogischen, sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen schaffen, damit die Kinder beruflich Reisender eine gleichwertige Bildung erhalten«, erklärt Treichel das Ziel.

Eine deutschlandweite Versorgung diene außerdem auch der wirtschaftlichen Stabilität der Familienbetriebe. Doch das Interesse in Politik und Kultusministerien ist deutlich begrenzt, die betroffene Personengruppe klein. Nicht überall findet sich eine Institution wie die Evangelische Kirche im Rheinland bereit, die Schulträgerschaft zu übernehmen.

Fackeln, Messer, Salti

Die Zwillinge Renaldo und Adriano Köllner (17) haben die Schule erfolgreich abgeschlossen. Renaldo jongliert mit Bällen, brennenden Fackeln und Messern; sein Bruder Adriano kann auf den Händen laufen und beherrscht den doppelten Salto. Ob ihre Schwester Manjana mit ihrem Hula Hoop auch eines Tages in anderen Gegenden Deutschlands auftreten und zugleich mobilen Schulunterricht erhalten kann, ist eine offene Frage. Martin L. Treichel und seine Mitstreiter arbeiten dafür.

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