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auf einen Blick
Michael Lüders sprach auf Einladung der Evangelischen Kirche von Westfalen

Terror als Quittung für skrupellose Machtpolitik

Krieg und Terror unter dem Namen »Islamischer Staat« – für Michael Lüders hat das Grauen eine handfeste Ursache: die heuchlerische Politik des Westens, »die sich mit dem übelsten Pack verbündet, sofern es westliche Interessen vertritt«. Der Islamwissenschaftler, Politologe und Publizist sprach am Donnerstagabend (9.6.) auf Einladung der Evangelischen Kirche von Westfalen in Bielefeld über die komplizierte Situation im Nahen Osten.

Ein frühes Beispiel für die skrupellose westliche Machtpolitik ist für ihn der von England und den USA inszenierte Putsch gegen Mohammed Mossadegh im Jahr 1953. Der demokratisch gewählte Premierminister Irans hatte die Ölindustrie seines Landes verstaatlicht, was den britischen und amerikanischen Interessen zuwiderlief. Auf seine Entmachtung folgte das amerikatreue Schah-Regime, gegen das der Widerstand im Iran immer stärker wurde, bis es 1979 zur Islamischen Revolution kam. Die bis heute herrschende Religionsdiktatur – für Lüders ist sie eine Folge des vom CIA betriebenen Staatsstreichs 26 Jahre zuvor.

An ähnlichen Beispielen aus jüngerer Vergangenheit mangelte es dem Referenten nicht, der als langjähriger Nahost-Korrespondent der Wochenzeitung »Die Zeit« alle Länder der Region kennt. In Afghanistan finanzierte der CIA die Mudschahedin und trug damit wesentlich zum Aufstieg der später heftig bekämpften Taliban bei. Im Irak förderten die USA in den achtziger Jahren den Diktator Saddam Hussein, gegen den sie später Krieg führten. Und nach dem Sturz Saddams habe die amerikanische Politik – ohne die mindeste Idee von einer neuen staatlichen Ordnung – durch die Auflösung der irakischen Armee die Grundlage für den »Islamischen Staat« geschaffen. Denn aus den entwurzelten Offizieren Saddams, im Besitz militärischer Kenntnisse und Waffen, rekrutierte sich zu großen Teilen die Terrormiliz. »Die Radikalisierung ist das Ergebnis westlicher Interventionspolitik, der ›Islamische Staat‹ die Quittung dafür«, sagte Lüders. Er geißelte die Doppelmoral dieser Politik, die unter dem Deckmantel von Demokratie und Menschenrechten reines Machtinteresse verfolge – »eine Mischung aus Ideologie und Größenwahn nach dem Prinzip: Wir sind die Guten, die sind die Bösen«. Das zeige sich auch an dem ägyptischen Machthaber Sisi: Dieser »finstere Despot« werde von westlichen Staaten hofiert, weil er eine vermeintlich wichtige Vermittlerrolle zwischen Palästinensern und Israel spiele und weil sein Land ein Großabnehmer von Rüstungsprodukten sei, auch von deutschen.

Was tun? Dass es keine einfachen Lösungen gibt, hatte Michael Lüders gleich zu Beginn betont. Er forderte die Politik zu einer selbstkritischen Haltung auf. »Der Widerspruch zwischen hehren Ansprüchen und machtpolitischem Kalkül muss erkannt und eingestanden werden. Die Politik muss sich neu formatieren. Wir brauchen mehr Demut, mehr Bescheidenheit.«

Lüders ließ sein Publikum, 120 geladene Gäste, ratlos zurück, wie er selbst einräumte. Aber: »Ich hoffe, Sie sind jetzt ratlos auf höherem Niveau.« (Pressemitteilung 27/2016)

 

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