Unsere archivierten Nachrichten
auf einen Blick
Großer, voller Klang: Westfälisches Chorfest in Lippstadt

Kein Widerspruch zwischen Kantate und Kleiderkammer

300 Frauen und Männer schwenken die Arme im gleichen Rhythmus, auf und ab, hin und her. Dann hüpfen sie im Takt. Jetzt geben sie einen Heulton von sich, von tief unten bis zur höchsten Kopfstimme und wieder zurück. Und nun brummen sie mit flatternden Lippen wie ein Kind, das Auto spielt. Der Mann, der ihnen all das vormacht und dem sie mit sichtlichem Spaß folgen, heißt Robert Sund und ist ein international renommierter Chorleiter. Er studiert mit den Sängerinnen und Sängern, die aus ganz Westfalen nach Lippstadt gekommen sind, Stücke aus seiner schwedischen Heimat ein. Am Beginn steht das Lockermachen, das Einsingen.

120 Jahre alt ist der Chorverband in der Evangelischen Kirche von Westfalen. Zum Jubiläum am Samstag (19.9.) haben die Verantwortlichen Musik aus dem Norden Europas ausgewählt. In Skandinavien blüht der Chorgesang. Acht Stücke aus der neuen Sammlung „I Himmelen“ (Im Himmel) hat Robert Sund mit dem Jubiläumsfestchor erarbeitet. Der agile weißhaarige Mann, der in Schweden zum „Chorleiter des Jahres“ gewählt wurde, zeigte sich positiv überrascht von Können und Disziplin der westfälischen Sängerinnen und Sänger: „Das war sauberer und ging schneller, als ich erwartet habe.“ Kein Wunder: Sund versteht es, einen Chor mitzunehmen. Nach ein, zwei Durchgängen bildet sich eine kontrastreiche Dynamik heraus, klingt es transparent und rein. „Er ist charmant, humorvoll, er kann motivieren, manchmal hat er etwas von einem Clown“, findet die Lehrerin Antje Rühe (51) aus Lippstadt, die es genießt, in so einem großen Chor zu singen – auch wenn die Kantorei der Marienkirche, in der sie sonst singt, mit rund 80 Mitgliedern nicht gerade klein ist. Auch Ralf Quittmann (47) ist begeistert von der Klangfülle dieser Gemeinschaft. Der Schreinermeister aus Iserlohn singt nicht nur seit seiner Jugend im Männergesangverein „Eintracht Lösse“, sondern auch im Kirchenchor „novum vocale“. Schon als kleiner Junge hat er gerne gesungen, erzählt er. Beim Chorfest sind alle Altersgruppen vertreten. Mit ihren elf Jahren ist Elisabeth Weseloh aus Lippstadt die jüngste Mitwirkende.

Den ganzen Tag gehen die Proben, im Gesamtchor und in Einzelstimmen. Eine der Stimmproben leitet Kantorin Meike Pape, die Vorsitzende des Chorverbandes, die das Fest maßgeblich vorbereitet hat. Auch sie ist davon angetan, wie leicht sich die Teilnehmer in die Stücke hineinfanden. „Es ist schön, dass Chöre aus allen Regionen Westfalens gekommen sind. Wir haben einen großen, vollen Klang.“
Und der war zu vernehmen beim abschließenden Höhepunkt des Chorfestes, dem Gottesdienst in der vollen Marienkirche.

Präses Annette Kurschus, leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen, sprach in ihrer Predigt vom Glanz und von der Weite, die durch das gesungene Lob Gottes ins Leben kommen. Sie sprach von der Schönheit der Musik zum Lob Gottes, die Kraft verleiht – Kraft auch zum Widerstand gegen Not und Ungerechtigkeit. Man könne Gott nicht die Ehre geben, ohne sehr konkret den Mitmenschen in den Blick zu nehmen, sagte die Präses mit Blick auf die aktuelle Flüchtlingssituation: „Es muss und es darf kein Widerspruch sein zwischen Singen und Betten bauen, zwischen Kirchenmusik und Diakonie, zwischen Kantate und Kleiderkammer, zwischen Chorfest und Einsatz in der Erstaufnahmestelle.“ Das Lob Gottes verleihe der tatkräftigen Liebe einen Überschuss an Hoffnung und Gewissheit, den sonst niemand in die Welt bringe.
Der Chorverband Westfalen zählt rund 270 Chöre mit mehr als 9.000 Sängerinnen und Sängern. Sein Ziel ist es, das Singen in den Kirchengemeinden zu fördern.

Zurück