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auf einen Blick
Reformatorische Erkenntnisse für den Frieden in einer pluralen Gesellschaft

Jahresempfang des Ev. Kirchenkreises Siegen

Das 500. Reformationsjubiläum ist noch nicht verklungen. Grund für den Evangelischen Kirchenkreis Siegen, Luther und sein Wirken beim Jahresempfang aufzugreifen.

Etwa 150 Gäste aus Politik, Wirtschaft, gesellschaftlichen Gruppierungen und Kirche waren dazu am 6. November in die Evangelische Johanneskirche auf dem Rödgen gekommen. Gastredner Professor Dr. Wolfgang Huber, ehemals Berliner Bischof und Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, hielt einen Festvortrag zum Thema: »Impulse der Reformation für unsere plurale Gesellschaft heute«.

Als einen Impuls aus der Erkenntnis der Reformation beschrieb Huber zum Stichwort Pluralität zunächst das Berufsverständnis Luthers, das auch auf die ehrenamtliche Tätigkeit in der Zivilgesellschaft oder die Familienarbeit übertragen werden könne »In all diesen Feldern sind Menschen Ehrengäste auf dieser Erde, weil es für sie eine Ehre ist, im Auftrag Gottes für die Mitmenschen tätig zu sein und darin auch für sich selber Erfüllung finden durch das Einbringen ihrer Gaben.«

Hinsichtlich gesellschaftlicher Pluralität in Deutschland benennen die Menschen unwillkürlich die Präsenz des Islam. Huber erinnerte an den schrecklichen Terroranschlag auf das World-Trade-Center und das Pentagon am 11. September 2001. Denn seitdem habe man in Deutschland begonnen, Menschen nach ihrer Religionszugehörigkeit zu sortieren und beispielsweise nicht nach ihrer Staatsangehörigkeit. Weder die Verharmlosung noch die pauschale Dramatisierung werde dem Phänomen der religiösen Pluralität gerecht. Zudem lasse man den Betroffenen nicht Gerechtigkeit widerfahren, wenn man sie auf ein einziges Identitätsmerkmal, wie die religiöse Identität, reduziere. Menschen hätten eine multiple Identität. Wenn bestimmte Identitätsmerkmale absolut gesetzt würden, sei der Konflikt vorprogrammiert.

Die Reformatoren, so Huber, hätten die eine Kirche der westlichen Christenheit, deren Teil sie gewesen seien, auf ihren Ursprung, ihre Wurzel, auf den Kern des Evangeliums zurückführen wollen. Es sei jedoch nicht zur Disputation gekommen und das Tischtuch nach einigen Jahren zerschnitten gewesen. Auf dem Reichstag zu Worms habe Luther dann gesagt: »Widerrufen kann ich nur, wenn ich aus Gründen der Vernunft oder der Heiligen Schrift des Irrtums überführt werde. Wenn ich dieses Irrtums nicht überführt werde, muss ich meinem Gewissen folgen und keine Macht der Welt kann mich zwingen, davon abzulassen.«

Huber erinnerte ferner an das zweite Vatikanische Konzil, das die Ökumene voranbrachte. Und er erinnerte daran, dass die Kirchengemeinschaft zwischen lutherischen und reformieren Kirchen in Deutschland und Europa erst mit der Leuenberger Konkordie von 1973 geklärt wurde. Wolfgang Huber: »Mir ist es so wichtig, auf diesen Punkt einen realistischen und selbstkritischen Blick zu werfen, weil es die unerlässliche Voraussetzung dafür ist, dass wir auf die heutigen Aufgaben des Umgangs mit religiöser Pluralität nicht in einem Geist der Überheblichkeit und der Selbstgerechtigkeit zugehen, sondern in einem Bewusstsein, wie lang die Lernprozesse gedauert haben, die wir selber gebraucht haben.«

Anschließend ging er der Frage nach, ob die deutsche Gesellschaft zu Recht als plurale Gesellschaft beschrieben werde oder sie nicht zutreffender eine säkulare Gesellschaft sei. Säkular bedeute, dass Religion für das Leben und Handeln in dieser Gesellschaft keine Rolle spiele. Hubers Fazit: »Nein, diese Gesellschaft ist nicht säkular, aber der Staat ist, Gott sei Dank, säkular. Staat und Recht sind säkular. Sie kennen keine Präferenz für eine Religion. Und genau damit gewährleisten sie die Religionsfreiheit für alle.« Er gehe davon aus, dass die Rolle des Islam und muslimisch geprägter unterschiedlicher Gemeinschaften wachsen und in Deutschland die säkulare Option eine starke Rolle spielen werde.

Religiös und konfessionell nicht zugeordnet seien in Deutschland heute 35 Prozent der Bevölkerung. Huber: »Wir machen natürlich einen Fehler, wenn wir diese Präsenz der säkularen Option als Kirche meinen ignorieren zu können. Wir machen übrigens auch einen riesigen Fehler, wenn wir uns nicht klar machen, dass unter diesen 35 Prozent, also unter diesen so gerechnet 25 Millionen Menschen, ganz bestimmt sechs oder sieben Millionen Menschen sind, die getauft sind und bleiben, aber im Laufe der Zeit aus dem einen oder anderen Grund die Kirche verlassen haben.« Die von ihm nüchtern beschriebene Situation solle nicht mit dem Argument als etwas nicht Änderbares hingestellt werden, indem man sage, es gehöre doch einfach zur modernen Gesellschaft, dass die Menschen ihre Religionsgemeinschaften in größerem Maße verlassen.

Das sei doch normal. Huber: »Nein, das ist nicht normal.« Er machte deutlich, dass Deutschland sich im weltweiten Vergleich in einer ziemlich untypischen Situation befindet. Weltweit betrachtet gelte ohne jeden Zweifel, dass Religion ein Megathema des 21. Jahrhunderts sei. Das Christentum werde wachsen. Der Islam werde aber stärker wachsen, weil der Islam in Ländern mit hoher Geburtenrate besonders stark sei. Für Huber ist es wichtig,  für einen christlichen Glaubens einzutreten, der den einzelnen Menschen im Gegenüber zu Gott sieht. Und damit jedem die gleiche Würde und die gleichen Rechte anerkennt.

 

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