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Forum »Río de la Plata«: Zukunft der evangelischen Kirche in der multikulturellen Gesellschaft

Gesellschaftliche Veränderungen als Chance

HALLE/WESTFALEN - Es ging um die »Zukunft der evangelischen Kirchen in der multikulturellen Gesellschaft« in Westfalen und den Ländern der Evangelischen Kirche am La Plata (IERP) – das sind Paraguay, Uruguay und Argentinien. Die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) und die IERP sind seit vielen Jahren partnerschaftlich und freundschaftlich miteinander verbunden. Alle zwei Jahre lädt die westfälische Landeskirche zu einem »Forum Río de la Plata« ein, bei dem Gäste aus beiden Kirchen sich über gemeinsame Sorgen, Probleme und Visionen austauschen. In diesem Jahr fand es vom 28. bis 30. Oktober im Martin-Luther-Haus in Halle statt.

Mitgliederschwund bereitet Sorgen

Der Soziologe Professor Dr. Jens Köhrsen blickte als Referent auf die Situation des »historischen Protestantismus« in Argentinien aus der Perspektive des Marktanalytikers und betrachtete so ein bekanntes Problem aus einer neuen Perspektive. Zwar sind etwa 20 Prozent der argentinischen Bevölkerung evangelisch, aber nur ein Drittel davon gehört einer historischen evangelischen Kirche an. Dagegen ist die jüngere Pfingstlerbewegung dort sehr stark. Diese Kirche verspreche ihren Mitgliedern, so der Professor, das Heil im Hier und Jetzt. Zum Beispiel durch Heilung von Drogensucht, Alkoholismus und Armut. Da sie eine radikale Ethik predige und eine sehr enge Gemeinschaft ermögliche, gelinge es vielen tatsächlich, sich von einer Sucht zu befreien. Damit gehe es ihnen finanziell besser, denn die Droge müsse nicht mehr bezahlt werden. Außerdem verfüge sie über Pfarrer, die aus derselben Schicht der Mitglieder kämen und »deshalb dieselbe Sprache sprechen.« Die historische protestantische Kirche dagegen kämpfe mit Mitgliederschwund. Sie unterliege ähnlichen demografischen Entwicklungen wie die beiden großen deutsche Kirchen: Es würden weniger Kinder geboren, aber es kämen auch kaum noch protestantische Auswanderer dorthin.

Ökumenische Offenheit und Strukturwandel

 

Daran schloss sich der Impuls von Oberkirchenrätin Petra Wallmann aus dem Landeskirchenamt in Bielefeld fast nahtlos an. Unter der Frage »2030 – wie sieht es dann in unserer Kirche aus?« präsentierte sie zunächst Fakten: Bis 2030, so die Prognose, werde die Evangelische Kirche von Westfalen 20 Prozent ihrer Mitglieder verloren haben. Dann wird die Pfarrerschaft in Westfalen noch rund 780 Köpfe zählen, zurzeit sind es 1.862. Das werde nicht nur Auswirkungen auf Gemeindegrößen haben, sondern auch dazu führen, dass Kirche und Diakonie viele Aufgaben in der Gesellschaft nicht mehr übernehmen können. Um die Lücken zu schließen, denkt sie an mehr Verständigung und Zusammenarbeit mit der katholischen Schwesterkirche, beispielsweise über einen gemeinsamen Religionsunterricht an Schulen. Er biete die Möglichkeit, junge Menschen über viele Jahre kontinuierlich zu begleiten.
Ihrer Meinung nach solle eine Frage die Überlegungen für die Zukunft der Kirche leiten: Wie und wo kommen Menschen mit Kirche in Kontakt? Heute geschehe das einerseits dann, wenn Menschen Angebote von Kirche – Taufen, Trauungen, Beerdigungen, Seelsorge – nutzen, aber auch im Religionsunterricht, durch Morgenandachten im Radio oder Fernsehgottesdienste. Diese Angebote, so fürchtet Wallmann, würden aber wegfallen, wenn die gesellschaftliche Relevanz von Kirche weiter sinke. Um das zu verhindern, »werden wir unsere Gemeinden öffnen müssen für Menschen anderer Sprachen und Herkunft«. Eine Strukturveränderung hin zu einer Freiwilligkeitskirche könne auch eine Lösung sein. Eine solche Veränderung könne nur aber langfristig und von der Basis initiiert erfolgen.

Veränderungen als Chancen begreifen

 

IERP-Kirchenpräsident Carlos Duartes berichtete über tiefgreifende Strukturveränderungen innerhalb der Kirche. Sein Rückblick auf die Jahre 1972 bis 1992 erschien wie ein Ausblick auf die kommende Situation der westfälischen Landeskirche. 1899 gegründet, gab es bis in die 1940-er Jahre so genannte Reisepfarrer, die sporadisch für Gottesdienste und zu kirchlichen Amtshandlungen wie Beerdigungen oder Trauungen in die Gemeinden kamen. Danach wuchs die Zahl der Gemeinden und es wurde deutlich, dass Pfarrer kontinuierlich anwesend sein mussten. Von 1952 bis 192 stieg die Gemeindezahl von 16 auf 38, die der Pfarrer von 21 auf 76. Während die Zahl der Gemeinden bis 2012 allerdings auf 47 weiter anstieg, ging die Zahl der Pfarrer zurück auf 55. »Für viele, auch in den protestantischen Kirchen, scheint die Tatsache, dass die Kirchengebäude voll sind und Massen zusammenströmen, wichtiger zu sein als die Treue zum Evangelium oder die Sachbezogenheit dessen, was von der Kanzel gepredigt wird«, stellte Duartes fest und forderte dazu auf, die gesellschaftlichen, sozialen, kulturellen und technischen Veränderungen als von Gott gegebene Chance zu begreifen.

Gesucht: Vorbilder in den Heimatgemeinden

Unter der Moderation von Kirchenrat Gerhard Duncker, der für ein Jugend-Austauschprogramm der beiden Kirchen zuständig ist, kamen am ersten Abend und am Ende der Veranstaltung junge Argentinier und Deutsche zu Wort, die in Werther, Bielefeld und Gelsenkirchen an dem Austauschprogramm teilnehmen. Sie wünschen sich in ihren Heimatgemeinden mehr Vorbilder und eine bessere und intensivere Begleitung ins Leben. Sie fragten, »Wem sollen wir unsere Wünsche und Zweifel sagen?« Und sie forderten mehr Möglichkeiten ein, an Entscheidungsprozessen teilzunehmen und Zukunft mitzugestalten.
Frauke Brauns

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