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Erzbischof Becker und Präses Kurschus mit Jugendlichen in Auschwitz

Gedenken an die Opfer des Naziterrors

AUSCHWITZ/WARSCHAU/WESTFALEN -  70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs haben die leitenden Theologen der Evangelischen Kirche von Westfalen und des Erzbistums Paderborn gemeinsam mit katholischen und evangelischen Jugendlichen in Auschwitz (Polen) der Opfer des Naziterrors gedacht. Präses Annette Kurschus und Erzbischof Hans-Josef Becker legten am Donnerstag (28.5.) an der Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz einen Kranz nieder.

»Die Shoah war nicht nur ein millionenfacher Verrat an der Humanität. Christen sind mitschuldig geworden am Verrat an ihrem auferstandenen Herrn, dem Juden Jesus von Nazareth«, erklärte Präses Kurschus: »Das verpflichtet uns als Kirchen, jetzt und in Zukunft jedem Antijudaismus und Antisemitismus entschieden entgegen zu treten. Das tun wir hier und heute in ökumenischer Verbundenheit.«

Erzbischof Becker sagte: »Wir können der Erinnerung an dieses unvergleichliche Verbrechen nicht ausweichen.« Zu dieser Erinnerung gehöre auch das Fragen: »Wie konnte das von einem Land ausgehen, das seit Jahrhunderten vom Christentum geprägt wurde? Was können wir heute gegen offenen oder verdeckten Rassismus tun? Wo sind wir gefordert gegen jede Form von menschenverachtender Ausgrenzung, gegen fremdenfeindliches Denken und Handeln?« Solche Fragen beträfen auch und gerade die nachwachsenden Generationen. »Deshalb bin ich froh, dass Schülerinnen und Schüler katholischer und evangelischer Schulen heute mit uns hier sind«, so Erzbischof Becker.

Insgesamt 48 Schülerinnen und Schüler des St. Ursula-Gymnasiums Arnsberg, der Hans-Ehrenberg-Schule (Bielefeld) und des Evangelischen Gymnasiums Lippstadt sind gemeinsam mit der Präses und dem Erzbischof in Polen unterwegs. Es gehöre zum Profil evangelischer und katholischer Schulen, die Verantwortung gegenüber der Geschichte und für andere nicht nur theoretisch zu vermitteln, sondern auch praktisch einzuüben und zu leben, ergänzte Annette Kurschus. »Unser gemeinsamer Besuch mit den Schülerinnen und Schülern an diesem Erinnerungsort ist dafür ein starkes Zeichen.« Die beiden Schulen in Bielefeld und Lippstadt werden von der westfälischen Landeskirche getragen, das Gymnasium in Arnsberg vom Erzbistum Paderborn.

»Die Stiftung. Erinnern ermöglichen« (Düsseldorf), die die Reise maßgeblich organisiert, fördert die Auseinandersetzung mit dem Holocaust, besonders in der Gedenkstätte Auschwitz. In das größte deutsche Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppten die Nationalsozialisten mindestens 1,3 Millionen Menschen aus ganz Europa, darunter mehr als eine Million Juden. Die Zahl der Ermordeten lag bei 1,1 Millionen. Das Stammlager befand sich nahe der Stadt Oswiecim im deutsch besetzten Polen.

Weiterreise nach Warschau

Im Anschluss besuchten Präses Annette Kurschus und Oberkirchenrat Dr. Ulrich Möller in Warschau noch die ökumenischen Partner der westfälischen Landeskirche. Auf dem Programm standen der Empfang des Präsidiums des Polnischen Ökumenischen Rates unter Leitung des Vorsitzenden Erzbischof Jeremiasz, Begegnungen mit der Lutherischen Kirche in Polen unter Leitung von Bischof Jerzy Samiec sowie mit der reformierten Synodalpräsidentin Józwiak und weiteren Vertretern der Reformierten Kirche in Polen.

Präses Kurschus betonte, im 70. Gedenkjahr an die Befreiung von Auschwitz sei es wichtiger denn je zu gedenken und nicht zu vergessen. Für den menschenverachtenden deutschen Terror und Vernichtungswillen steht in besonderer Weise auch das Warschauer Ghetto. Umso mehr bestehe gerade für die Kirchen in Deutschland besonderer Grund zu großer Dankbarkeit für die heute gewachsene geschwisterliche Gemeinschaft mit den Partnerkirchen in Polen.

Der Blick auf das bevorstehende Reformationsjubiläum erfordert für die Präses auch protestantische Selbstkritik: »In vielen aktuellen Fragen können und dürfen wir nicht bei den Antworten unserer theologischen Väter und Mütter stehen bleiben. Gerade im Blick auf Martin Luther erkennen wir schmerzlich: Dass Luther der Christologie einen so entschiedenen Vorrang vor der Lehre von Gott gab, hatte verhängnisvolle Folgen für seinen Umgang mit dem Alten Testament. Er geriet auf diesem Wege zu  judenfeindlichen Schlussfolgerungen, die bis heute erschrecken und an die der Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert nahtlos anknüpfen konnte. Wir brauchen den wachen Blick in die Vergangenheit. Der Blick auf das, was gestern war, kann uns ermutigen, heute neu danach zu fragen, was jetzt dran und geboten ist.«

Der gemeinsame Auftrag für Versöhnung, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden einzutreten bekomme in diesen Tagen erneut besondere Dringlichkeit in Europa. »Wo Wunden der Geschichte nicht aufgearbeitet werden, können sie nicht heilen.« Der Blick in die Ukraine zeige, »wie dünn der Schorf scheinbaren Friedens ist, durch den die blutenden Wunden nicht aufgearbeiteter Vergangenheit und nicht überwundener Feindschaft in kriegerischer Gewalt neu aufbrechen.«

Zum Abschluss der Begegnungen legte Präses Kurschus für die Evangelische Kirche von Westfalen einen Kranz nieder am Denkmal für den jüdischen Widerstand gegen den deutschen Terror im Warschauer Ghetto 1943. Unmittelbar hinter der Gedenkstätte wurde 2014 das Museum der Geschichte der polnischen Juden eröffnet. Tiefen Eindruck hinterließ die Führung durch die über 1000-jährige jüdische Geschichte in Polen, die mit dem Holocaust nicht zum Ende gekommen ist.

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