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auf einen Blick
Wittekindshofer Aschermittwochsempfang

»Freiheit ist In-Beziehung-Sein«

Präses Annette Kurschus, leitende Theologin der evangelischen Kirche von Westfalen, sprach beim Jahresempfang der Diakonischen Stiftung Wittekindshof zum Thema Reformationsjubiläum und 500 Jahre Freiheit.

Freiheit habe zuerst eine Gottesdimension, aber auch eine soziale, zwischenmenschliche, gesellschaftliche und politische Dimension. Kurschus betonte, dass Martin Luthers Konzentration auf die Gnade auch nach 500 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt habe: »Meine Würde liegt nicht in dem, was ich tue, leiste, habe und bin. Aus diesem engen Korsett bin ich freigelassen. Ich lebe von dem, was mir von Gott her um Christi willen zuteil wird.« Luther habe starke Impulse zum aufrechten Gang und zum fröhlichen Nicht-Perfekt-Sein, zum Aufstehen und Den-Mund-Aufmachen, zum Querdenken und zum Neinsagen gegeben. Die leitende Theologin faste ihre Gedanken in der Formel zusammen, dass Freiheit dem Nächsten dienen und damit Gott ehre.

Konkret gefragt, was Freiheit heute bedeutet, hat die Wittekindshofer Ressortleiterin Elke Ruthenkolk. Dorothea Dohmann, eine junge Frau, berichtete, dass sie viel Freiheit im Wittekindshofer Wohnangebot erlebe: Entscheidungsfreiheit, Mitspracherecht und Selbstbestimmung bei der Essensauswahl und der Lebensführung, aber vor allem auch die Freiheit, zusammen mit ihrem Hund Ronja zu leben. Dohmann bekam den ersten Zwischenapplaus des Abends als sie erklärte »Ronja ist wirklich wichtig für mich. Die Menschen sind viel netter, wenn man einen so süßen Hund hat!«

Klaus Gall, der aus der Hauswohngemeinschaft in Minden gekommen war, erklärte Freiheit mit wenigen Worten: »Ich habe eine eigene Wohnung, gehe einkaufen, fahre mit dem Bus in die Stadt und alleine mit dem Elektrorollstuhl nach Hause.« Er überreichte der Präses als Gastgeschenk den Wittekindshofer Kalender mit einem Bild vom ihm im Wattmobil, einem Spezialrollstuhl mit extra breiten Gummirädern, der ihm neue Freiheiten eröffnet hatte.

Wie Freiheit im Wittekindshofer Alltag an Grenzen kommt, führte Vorstandssprecher Pfarrer Professor Dr. Dierk Starnitzke aus. Trotz Menschenrechtserklärung und Grundgesetz konnten viele Menschen in Einrichtungen der Behindertenhilfe auch in der Nachkriegszeit nicht in Freiheit leben: »Viel zu zahlreiche Bewohnerinnen, in viel zu engen Räumlichkeiten, betreut von viel zu wenigen Mitarbeitenden bewirkten schlimme Einschränkungen der Freiheit und Verletzungen, die bis heute nachwirken.« Der Vorstandssprecher freute sich deswegen, dass nach langem politischen Ringen für ehemalige Heimkinder aus der Behindertenhilfe und der Psychiatrie die »Stiftung Anerkennung und Hilfe« errichtet wurde. »Durch die Stiftung sollen Einschränkungen von Freiheit und Gewaltanwendung anerkannt und die Betroffene unterstützt werden, zu denen auch 680 Personen gehören, die bis heute vom Wittekindshof unterstützt werden.«

Der Kern der Wittekindshofer Arbeit bestehe darin, ein Leben in Freiheit zu unterstützen. »Es kommt darauf an, genau hinzuhören und hinzuschauen und zu entdecken, was der einzelne Mensch für sich als Wunsch und Willen äußert.« Diesen  Grundansatz erkennt Starnitzke auch im neuen Bundesteilhabegesetz, das Ende letzten Jahres verabschiedet wurde. Trotzdem warnt er davor, dass durch die Vielzahl und Komplexität der neuen gesetzlichen Regelungen Strukturen zerstört werden, die Menschen bei einer möglichst freien Lebensführung gut unterstützen und befürchtet, dass sich die Menschen im Dschungel der neuen gesetzlichen Bestimmungen verirren. Starnitzke forderte die geladenen Gäste aus Politik, Verwaltung, Kirche, Medizin- und Sozialbereich zur Zusammenarbeit auf: »Die freie Lebensführung von Menschen mit Behinderung zu fördern, muss unser gemeinsames höchstes Ziel sein.«

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