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Uraufführung in Hagen: Oratorium »Gaff nicht in den Himmel«

Etwas Neues über Luther

Kann man über Martin Luther noch etwas Neues sagen? Zu Beginn des 500-jährigen Reformationsjubiläums taucht er auf als Plastikfigur, Staatsakt, Bier, in Leitartikeln, Büchern und Filmen, in wissenschaftlichen Symposien und derben Zitaten. Und natürlich musikalisch.

Hier ist mit dem Oratorium »Gaff nicht in den Himmel« wirklich etwas Neues gelungen. Das Stück von Matthias Nagel (Musik) und Dieter Stork (Text) wurde am 10. November, Luthers 532. Geburtstag, in Hagen uraufgeführt. Damit hat die Evangelische Kirche von Westfalen einen starken musikalischen Akzent gesetzt.

Aus vielen Puzzleteilen – neu geschaffene Kompositionen, poetische wie dokumentarische Texte in enger Verbindung mit musikalischen und literarischen Zitaten – gewinnt dieses Werk seine Gestalt. Es ist informativ: Ganz organisch vermittelt das Stück das spannungsreiche Leben des Reformators und die Zeitumstände. Es reißt mit: Aus der Musik spricht die Leidenschaft, mit der Luther für das Evangelium kämpfte. Es macht nachdenklich: Die Spannungen, Brüche und Widersprüche seiner Person werden nicht verschwiegen. Und es berührt mit zart-lyrischen Tönen.

»Sola gratia, sola fide, sola scriptura, solus Christus!« In strahlendem Dur erklingen die Kerngedanken der Reformation als Refrain des Liedes »Ich lebe nicht aus dem, was ich erschaffe«. So rahmt der lateinische Text die moderne Beschreibung der Erkenntnis, dass die Erlösung allein aus Gnade, allein durch den Glauben, allein durch Christus geschieht – ein Höhepunkt des Oratoriums. Ein anderer: »Nun freut euch, lieben Christen g’mein« als flottes Tanzlied mit Flöte und Trommel im Sound der Renaissance – die Aufforderung »Lasst uns fröhlich springen« ist überzeugend. Oder: Als die Bauern die Erkenntnis ernst nehmen, dass Gott alle Menschen gleichermaßen wertvoll geschaffen hat und sich gegen ihre Unterdrücker erheben, skandiert der Chor aggressiv den zeitgenössischen Kampfruf: »Als Adam grub und Eva spann, da gab es keinen Edelmann…«

Unter der Leitung der Iserlohner Kirchenmusikdirektorin Ute Springer fügten sich drei Klangkörper zu einem zusammen: Der Popchor »RISE UP!«, ergänzt um Projektsänger, der Junge Chor »5nach5« und die Kinder (zwischen 8 und 13) der MAXIs. Sie alle sangen sauber und präzise, entfalteten einen kraftvollen, prächtigen Chorklang. Mit Rebecca Nagel-Weissink (Sopran) und Christian Mews (Bariton) waren zwei behutsam und sensibel gestaltende Solisten zu hören. Die Bielefelder Oberkirchenrätin Doris Damke und Markus Klein, Kantor der gastgebenden Kirchengemeinde Hagen-Haspe, trugen die Texte der Lebenschronik Luthers und seine Zitate vor: gut akzentuiert und lebendig betont. Das solistisch besetzte Ensemble aus Holz- und Blechbläsern, Streichern, Schlagzeug, Klavier, Keyboard und Gitarre ließ sich überzeugend auf die ungewöhnliche Musik ein.

Ute Springer bekannte, dass dieses Stück für ihre Sängerinnen und Sänger die bislang größte Herausforderung war. Sie wurde erfolgreich angenommen. Mitte Mai ist in der Obersten Stadtkirche Iserlohn eine weitere Aufführung vorgesehen.

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