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Präses Annette Kurschus: Reformation war eine »entängstigende Bewegung«

Einander die Wahrheit zumuten

Weil Ängste und Sorgen die gesellschaftliche Stimmungslage nicht beherrschen dürfen, ist es nach Überzeugung von Präses Annette Kurschus notwendig, die Menschen mit ihren Ängsten und Sorgen ernst zu nehmen.

Wer irrationale Ängste als handfeste Wirklichkeit ausgebe und schnelle Scheinlösungen anbiete, nehme die Sorgen und Nöte der Menschen gerade nicht ernst. Denn: »Menschen ernst nehmen heißt: nichts zum Tabu erklären, nichts schönfärben oder kleinreden. Menschen ernst nehmen heißt: einander die Wahrheit zumuten. Auch manche Wahrheit, die ängstigt«, sagte die leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen am Montag (14.11.) in ihrem Bericht vor der Landessynode.

Das gegenwärtige Klima der Angst beschrieb sie als eine Verengung von Wahrnehmung und Wirklichkeit: Enge macht sich breit in den Köpfen, in Leserbriefspalten, in Internetforen und im politischen Diskurs, wo Zerrbilder und Wahrnehmungsschablonen wabern, die alles, was fremd ist, pauschal als Bedrohung definieren.« Dem setzte die Theologin die Gewissheit entgegen, dass Menschen sich im Vertrauen auf Gott aus solcher Enge lösen können. Christen seien keineswegs frei von Angst. Sie werde vielmehr als Lebenswirklichkeit ernst genommen, benannt und somit daran gehindert, sich breitzumachen. Die Reformation vor 500 Jahren habe diese biblische Erkenntnis neu zum Leuchten gebracht und sei deshalb »eine zutiefst entängstigende und darin dem Wesen nach weltoffene Bewegung« gewesen. Christlicher Glaube habe seinen Halt nicht in sich selber, sondern in Jesus Christus. »Daraus erwächst seine Offenheit für die Welt, und darum taugt er nicht dazu, sich in sich selbst abzukapseln und sich in enge Identitätspolitiken einzuigeln. Er sprengt jedes selbstgenügsame Kirchturmdenken und ist gänzlich unbrauchbar für die selbsternannten Scharfschützen des ›christlichen Abendlandes‹«.

Die christliche Verantwortung ende darum nicht an den Außengrenzen Deutschlands oder Europas. »Der politische Horizont eines Landes und einer Gesellschaft, die weltweit wirtschaften, Urlaub machen und konsumieren, kann nicht am Bosporus oder vor der Küste Libyens und schon gar nicht am Grenzübergang Füssen-Reutte enden.« Die Theologin warnte vor dem »Mechanismus des Hassens«, der lange vor handgreiflicher Gewalt beginne. Dazu gehöre, Fremde nicht zuerst als Menschen und Hilfebedürftige zu sehen, sondern als Problemträger oder gar als Frauen-, Demokratie-, Freiheits- und Menschenfeinde. Geflüchtete und zugewanderte Menschen würden die Gesellschaft und damit auch die Kirche auf Dauer verändern. Kurschus: »Uns wird dadurch neues Lernen zugemutet und manches Umdenken abverlangt – und uns wird dadurch vermutlich Unerwartetes ermöglicht und geschenkt.« (Pressemitteilung Synode aktuell Nr. 1/2016)

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