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auf einen Blick
Freiheit und Verantwortung: Sophie Ihmels und Jonathan Reimann wollen Pfarrer werden

Ein Traumberuf

Auf das Studium der Theologie ist er gespannt. »Das ist ein Studium, wo ich selber viel denken kann, wo meine eigene Meinung gefragt ist. Und ich hoffe, das bringt mich in meiner eigenen Entwicklung nach vorne.«

Die Entwicklung begann spätestens, als Jonathan Reimann etwa zwölf war. Seine Eltern, so erzählt er, haben ihm damals völlig freigestellt, ob er sich konfirmieren ließe oder nicht. Da traf er eine bewusste Entscheidung. Als Konfirmand in der Gütersloher Erlöserkirche hat er Feuer gefangen. Das blieb nicht ohne Folgen: Er machte kräftig mit, etwa in der »Kinderkirche«, die Sechs- bis Zwölfjährige monatlich einen Samstagvormittag lang versammelt. Oder, frisch konfirmiert, als ehrenamtlicher Helfer beim nächsten Konfirmandenjahrgang. Bald gründete der tatkräftige junge Mann eine neue Jugendgruppe, die sich alle zwei Wochen trifft und »coole Sachen macht« – ob Kochen oder Kart-Fahren. Der christliche Glaube ist Grundlage und Klammer dieser Gemeinschaft, aber nicht ihre Bedingung. »Ich versuche Jugendliche in ihrer Lebenswelt anzusprechen«, sagt Jonathan: »Sie sollen merken: Das hat etwas mit mir persönlich zu tun.«

Auch Sophie Ihmels hat erfahren, wie viel Spaß es ihr macht, mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten. Seit ihrem 14. Lebensjahr hat die junge Frau keinen Kirchentag versäumt. »Es ist immer wieder faszinierend, Leute zu treffen, die auf gleicher Wellenlänge sind – es ist toll zu erleben, wie jung die Kirche ist.« Das strahlt aus auf ihre eigene Gemeinde Mennighüffen. Dort ist das Durchschnittsalter zwar höher als auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag. Doch die Begeisterung, mit der sich junge Leute wie Sophie Ihmels in der Kirche engagieren, steckt auch Ältere an. Zum Team, das den Kindergottesdienst vorbereitet und jeden Sonntag um 11 Uhr mit bis zu 20 Kindern feiert, gehören Menschen fast aller Altersgruppen – von der Rentnerin bis zur Konfirmandin. Sophie ist auch als ehrenamtliche Mitarbeiterin bei den Freizeiten für Kinder aktiv, die der Kirchenkreis Herford durchführt.

Die pädagogische Begabung ist natürlich eine sehr gute, aber längst nicht die einzige Voraussetzung für den Beruf ihrer Wahl. »Als Pfarrer habe ich mit allen Generationen zu tun, mit dem Menschsein von der Geburt bis zum Tod. Es gibt kaum einen Beruf, der so viele Bereiche abdeckt«, erklärt Jonathan. Einzigartig findet er aber auch, dass sich die persönlich-existenzielle Überzeugung untrennbar mit der Profession verbindet: »Ich lebe meinen Glauben und kann das so weitergeben.« Aber wie gelingt das in einer Umgebung, wo christliches Grundwissen längst nicht mehr selbstverständlich ist? Sophie: »Dazu braucht man Bezugspunkte zu dem, was für die Menschen aktuell ist. Wenn ich zum Beispiel für Jugendliche eine Andacht halte, versuche ich das. Sie sollen beim Zuhören spüren: Das geht mich etwas an.«

Dass ein Pfarrer auch Verwaltung und Organisation bewältigen muss, wissen beide. Seit gut einem Jahr trägt Jonathan als Presbyter im Leitungsgremium Verantwortung für seine Gemeinde. Und in die Kreissynode, das »Parlament« des Kirchenkreises Gütersloh, hat man ihn auch gleich gewählt.

Sophie Ihmels vermisst derzeit »ihre« Jugendlichen. Die junge Frau mit den dunkelblauen Haaren absolviert zwischen Abitur und Studienbeginn, ebenso wie Jonathan Reimann, ein Jahr im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes. Als »Bufdis« arbeiten sie in einem Krankenhaus in Bielefeld-Bethel. Sophie hat mit dementen Menschen zu tun: Sie unterhält sich mit ihnen, geht ein paar Schritte an ihrer Seite, hilft ihnen beim Essen – »alles, wofür die Pflege keine Zeit hat«. Jonathan ist in der Chirurgie beschäftigt: Er bereitet Operationssäle vor, schließt Geräte an, lagert Patienten um. Keine geringe Verantwortung. Auch später, als Pfarrer, wird er Verantwortung tragen. Sie gehört zu der großen Freiheit, die diesen Beruf prägt. Das beginnt schon im Studium, das deutlich mehr Freiheit lässt als die meisten anderen akademischen Fächer. Sophie ist gespannt »auf jede Menge Input, auf frischen Wind«. Vor der Hürde der alten Sprachen ist ihr etwas bange, gesteht sie: Hebräisch, Griechisch und Latein sind zu bewältigen. Aber das tut ihrer Vorfreude keinen Abbruch. Ein Traumberuf? Ja, eindeutig.

Wenn’s klappt, starten beide in Wuppertal zum Wintersemester 2015/16 als Studenten der Theologie. Ihre Berufsaussichten sind gut: Zahlreiche Pensionierungen führen in den nächsten Jahren zu einem erhöhten Bedarf an Pfarrerinnen und Pfarrern. Die Evangelische Kirche von Westfalen wird jährlich rund 20 junge Theologinnen und Theologen einstellen können.

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