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auf einen Blick
Landeskirche unterstützt Tourismusausbildung in Palästina

Ein Schnitzel für Bethlehem

BIELEFELD - Wenn Ibrahim Jadallah und Faris Baboun Mittagessen kochen, dann gleich für 450 Personen. Die beiden jungen Palästinenser rühren zurzeit in den Töpfen der Mitarbeiter-Kantine «Ophir» in Bielefeld-Bethel. Sie sind Studenten der evangelischen Fachhochschule »Dar al-Kalima« in Bethlehem. Zusammen mit ihrer Kommilitonin Waed Karram machen sie ein dreiwöchiges Praktikum in Ostwestfalen. Vermittelt wurde ihnen der Aufenthalt von der Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW).

Waed Karram hat die Champignons auf dem Herd fest im Blick. Ganz leicht rüttelt sie an der Pfanne und schon lösen sich die Pilze vom Boden. Die 21-Jährige freut sich darüber, dass sie in der Küche vom Betheler Hotel Lindenhof viel Neues kennenlernen kann. Denn die Zubereitung einiger Speisen ist ihr vollkommen fremd. Dazu gehört auch der Klassiker, das beliebte Schweine-Schnitzel. »Natürlich brate ich auch Schweinefleisch. Das ist doch selbstverständlich«, sagt die aufgeschlossene Muslimin und fügt schelmisch hinzu: »Ich muss es ja nicht essen, wenn ich nicht will.«

Tourismus in Bethlehem am Boden

Bethlehem, die Heimat der Studenten, hat einiges zu bieten. In der Stadt im Westjordanland befindet sich die Geburtskirche. Die wurde angeblich genau über der Stelle errichtet, wo Jesus geboren ist – in einer Stein-Grotte. Für viele christliche Pilger, die in das Heilige Land kommen, ist der Besuch der Kirche ein Muss. Trotzdem liegt der Tourismus in Bethlehem am Boden. Denn die Stadt in den palästinensischen Autonomiegebieten liege in einer unruhigen Region, meinen die Reiseveranstalter. »Die Touristen sind nur kurz in der Stadt. Sie besichtigen die Grotte, kaufen vielleicht noch ein Holzkreuz auf dem Basar und dann fahren sie so schnell wie möglich zurück ins Hotel nach West-Jerusalem«, bestätigt Kirchenrat Gerhard Duncker von der EKvW.

Von einer Handvoll verkaufter Olivenholz-Kreuze können die Bewohner in Bethlehem jedoch nicht existieren. Der Tourismus, die wichtigste Einnahmequelle, muss gestärkt werden. Wenn die Gäste in Bethlehem übernachten, einkaufen und in den ansässigen Restaurants speisen, dann hat die Jugend in der Stadt eine Zukunft. Und deshalb unterstütze die westfälische Landeskirche die Ausbildung von Fachkräften und vermittle ihnen den in der Branche so wichtigen Auslandsaufenthalt, betont der Nahost-Experte Gerhard Duncker. »Gemeinsam mit unseren Partnern, den v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel, können wir seit 2012 den Studierenden der Dar al-Kalima-Fachhochschule hier bei uns Praktika anbieten.«

Keine Gastfamilien gefunden

Zum dritten Mal sind angehende Hotelfachkräfte aus Bethlehem in Bielefeld, bereits 2012 und 2013 waren sie hier. Im vergangenen Jahr kamen sie nicht, denn Gerhard Duncker fand keine Gastfamilien, die sie aufnehmen wollten. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass die Gewaltspirale zwischen Israel und den bewaffneten Palästinensern im Gaza-Streifen eskalierte. Vielleicht war in der Zeit die Furcht vor Bomben legenden islamistischen Extremisten zu groß. In diesem Jahr gab es jedenfalls keine Probleme, und die drei sind glücklich mit ihren freundlichen Gasteltern. Übrigens gehören Ibrahim Jadallah und Faris Baboun zur christlichen Gemeinde. Und Waed Karram ist eine couragierte junge Frau, die sich entschieden für »Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen« einsetzt.

Am 22. Juni fliegen die Drei zurück in die Heimat mit jeder Menge neuer Erfahrungen im Gepäck. Die beiden jungen Männer sind sich sicher, dass sich der Tourismus in Bethlehem positiv entwickelt, und sie dort ihre Zukunft haben. Waed Karram kann sich nicht vorstellen, eine Existenz im Westjordanland aufzubauen. Sie möchte endlich an einem Ort leben, wo Frieden herrscht. Aber wo gibt es den im Nahen Osten?

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