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auf einen Blick
NRW-Kirchen wollen Schwung des Reformationsjubiläums nutzen

Doppelpunkt nach dem Höhepunkt

Nach der Reformation ist vor der Reformation: Das Finale des 500. Jubiläumsjahres markiert für die evangelischen Kirchen in NRW das Ende der Feiern, aber nicht das Ende der Veränderung. Herausforderungen sind die Ökumene und der Mitgliederrückgang.

Hammerschläge und Posaunenchöre, Festgottesdienst und Fernsehgala, offene Kirchen und Lichtkunst: Selbstbewusst, aber auch selbstkritisch und selbstironisch haben die evangelischen Landeskirchen in Nordrhein-Westfalen den Höhepunkt des Reformationsjubiläums gefeiert. Das Finale am 500. Jahrestag von Luthers Thesenanschlag beendete ein ganzes Festjahr mit einem wahren Veranstaltungsmarathon, dem bereits eine volle Dekade mit Themenjahren zur Reformation vorausgegangen war. Jetzt geht es vor allem darum, was bleibt und wie es weitergeht.

Hunderte Veranstaltungen auf allen Ebenen prägten das Jubiläumsjahr, das aus Sicht der Kirchen größtenteils noch erfolgreicher verlief als erhofft. Entsprechend positiv fielen die meisten Bilanzen der Ausstellungen, Konzerte, Theaterstücke, Gottesdienste, Diskussionsrunden und Aktionen aus. Das Pop-Oratorium »Luther« der Creativen Kirche in Witten sahen mehr als 135.000 Menschen, die Ausstellung »Luther. 1917 bis heute« entpuppte sich mit über 110.000 Besuchern als erfolgreichste Sonderschau in der zehnjährigen Geschichte des LWL-Museums für Klosterkultur in Lichtenau.

Besonders erfolgreich waren Formate, bei denen die Kirchenmauern verlassen wurden oder bei denen Akteure und Institutionen von Kultur und Gesellschaft eingebunden waren - oder sogar eigene Aktionen organisierten. Viel wichtiger als die Zahlen ist aber für die Kirchen, dass sich wieder mehr Menschen mit ihrem Glauben und ihrer Kirche identifizieren. Die protestantische Botschaft der Freiheit eines Christen, der zugleich Verantwortung für seine Mitmenschen hat, sei auf vielfältige, kreative und lebensfrohe Weise in die Gesellschaft getragen worden, hieß es.

Historischer Fortschritt in der Ökumene

Die Rückmeldungen auf eine Briefpost an alle protestantischen Haushalte in Westfalen zeigen nach Angaben der westfälischen Präses Annette Kurschus, dass auch Menschen mit ihren Lebensthemen erreicht wurden, die nicht zur kirchlichen Kerngemeinde gehören. Als Erfolg gilt nicht zuletzt die ökumenische Ausrichtung des Jubiläumsjahres: Statt evangelische Nabelschau zu betreiben, wurde gemeinsam mit den Katholiken ein »Christusfest« gefeiert, vielfach ist von einem historischen Fortschritt in der Ökumene die Rede.

Allerdings dürfe man beim Erreichten nicht stehenbleiben, mahnt der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski. Die Menschen an der kirchlichen Basis hätten wenig Verständnis für ökumenische Stagnation. Auch für Kurschus müssen die jüngsten ökumenischen Akzente »Folgen für das weitere Miteinander unserer Kirchen« haben. Ähnlich sieht es der lippische Landessuperintendent Dietmar Arends: Die Annäherung der Kirchen im Jahr des 500. Reformationsjubiläums sei Schwung und Verpflichtung, konkrete Schritte zu mehr Gemeinsamkeit zu unternehmen.

In glaubenspraktischen Fragen wie einem gemeinsamen Abendmahl zeichnet sich allerdings trotz der atmosphärischen Verbesserungen bislang kein Fortschritt ab. Dass etwa der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki in der ökumenischen Adventsvesper am Reformationstag im Altenberger Dom die einigende Kraft der Taufe hervorhob und dem rheinischen Präses Rekowski ein Luther-Bildnis schenkte, täuscht nicht darüber hinweg, dass der konservative katholische Theologe nach wie vor zentrale Unterschiede im Kirchen- und Sakramentsverständnis sieht. Ein gemeinsames Abendmahl mit Protestanten, das für Rekowski »folgerichtig und konsequent« wäre, kann er sich nicht vorstellen.

»Kraftquelle und Sprungbrett«

Doch nicht nur die Ökumene stellt die evangelischen Kirchen nach dem Reformationsjubiläum vor Herausforderungen. Der 31. Oktober sei kein Schlusspunkt, sondern ein Doppelpunkt gewesen, sagt Präses Kurschus. Die Erfahrungen des Jubiläums könnten »Kraftquelle und Sprungbrett« für die Umsetzung notwendiger Reformen und neuer Ideen in nächster Zeit sein. Landessuperintendent Arends spricht von Reformation als bleibender Aufgabe.

Präses Rekowski mahnt, angesichts sinkender Mitgliederzahlen eingefahrene Gleise zu verlassen und kirchliche Arbeitsformen noch entschlossener umzubauen. »Türen auf, Fenster auf, raus auf die Plätze und Straßen, mutig etwas ausprobieren», lautet seine Devise. Die Kirche müsse auch künftig ihre Botschaft unter die Leute bringen: »Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.« (epd)

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