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auf einen Blick
800 Sänger präsentieren das christliche Musical »Amazing Grace« in Minden Stimmungsvolle Uraufführung beim Gospelkirchentag in Kassel. Foto: medio.tv/Socher

Der Massenchor ist der Star

Das Lied »Amazing Grace« zählt zu den bekanntesten Gospels der Welt. Der Text stammt vom Kapitän eines Sklavenschiffes. Seine Geschichte bringt ein Musicalprojekt mit Hunderten von Sängern auf die Bühne.

Minden (epd). Der Orkan fällt das Schiff an wie ein brüllendes Tier und fegt die Männer von Bord - in den Tod: Hunderte Sängerinnen und Sänger proben gerade eine Schlüsselszene des Musicals »Amazing Grace« über das Leben des Sklavenkapitäns John Newton. Der Seefahrer bekehrte sich in höchster Not zum christlichen Glauben, dichtete 1772 mit »Amazing Grace« (deutsch: »Erstaunliche Gnade«) den weltweit bekanntesten Gospel-Song und kämpfte für die Abschaffung des Sklavenhandels.

Am Samstag und Sonntag kommt das Stück in der Kampa-Halle in Minden auf die Bühne. Neben Musical-Größen wie Arne Stephan (»Moulin Rouge«, »Cats«) in der Hauptrolle und Lucy Scherer (»Tanz der Vampire«, »Les Miserables«) als Newtons Verlobte Polly ist der Massenchor mit jeweils 400 Sängern bei beiden Aufführungen »der absolute Star«, sagt Marcel Volkmann von der Wittener Stiftung Creative Kirche. Mit »Amazing Grace« hat die Creative Kirche fünf Jahre nach dem Pop-Oratorium "Die 10 Gebote« wieder eine Großproduktion an den Start gebracht. Nach der Premiere in Kassel und Aufführungen in Ludwigsburg ist Minden die dritte Station des Musicals.

In der dramatischen Szene »Sturm und Rettung« müssen die Chorsänger nicht nur ihre Stimmen kräftig erschallen lassen, sondern mit ihren Körpern auch die wogenden Wellen darstellen. »Starker Sturm!«, ruft Harald Sieger bei der Hauptprobe den Sängern zu - ihre Bewegungen dürfen noch etwas lebhafter werden. Sieger, Kreiskantor des Kirchenkreises Vlotho, wird den Massenchor bei der Samstags-Aufführung dirigieren. Vor der Aufgabe hat er Respekt: »Einen Chor dieser Größe zu leiten, ist auch für mich etwas Neues.« Dennoch strahlt Sieger Gelassenheit aus: »Die Sängerinnen und Sänger sind gut vorbereitet, die Songs laufen rund - das wird eine sichere Sache.«

Aus Ostwestfalen und dem angrenzenden Niedersachsen stammen die meisten Sänger, aber auch Dortmunder sind dabei. Sie gehören Gemeindechören, Schulchören oder freien Gospelchören an. Auch einzelne Hobby-Sänger machen mit. Bereits seit letztem Sommer haben alle zu Hause geübt und sind zweimal zu zentralen Proben zusammen gekommen.

Die Sängerin Christiane freut sich auf das große Ereignis - von Bammel keine Spur. Seit 2008 singt sie im Mindener Gospel-Chor »efungelium« und war bereits bei den »10 Geboten« dabei. »Mit ›Amazing Grace‹ sind wir schnell warm geworden«, sagt die 58-Jährige mit der Alt-Stimme in der Probenpause. »Entscheidend ist, dass es auch mit so Vielen gut zusammen klingt.«

Aus Bad Oeynhausen ist Stella-Felicia in die Lübbecker Stadthalle gekommen, wo die Hauptproben der beiden Großchöre stattfinden. »Das lief gerade ganz gut«, sagt die 15-Jährige, die »schon von klein auf« singt und in der Jugendkantorei und dem Schulchor dabei ist. »Ich habe schon bei anderen anspruchsvollen Projekten mitgemacht«, zeigt sich Stella-Felicia selbstbewusst, »zum Beispiel mit dem ›Oslo Gospel Choir‹ aus Norwegen.« Der Leiter des Chores, Tore W. Aas, hat die Musik von »Amazing Grace« komponiert.

Mit 400 Sängern auf der Bühne - das ist auch für Hauptdarsteller Arne Stephan etwas Besonderes. Er sei immer mal wieder mit Chören aufgetreten, aber diese Produktion übersteige alle bisherigen Projekte. »Mit so viel Stimmgewalt, Elan und guter Energie wird ›Amazing Grace‹ sicher zu einem spektakulären Klangerlebnis.« Der Journalist Andreas Malessa, der das Musical getextet hat, hofft darüber hinaus, »dass die mitreißende musikalische Unterhaltungs-Show dazu motiviert, das darin transportierte Evangelium zu reflektieren«.

Die 400 Seiten starke Biografie von John Newton hat Malessa in 16 Songs verdichtet, dazu kommen sechs traditionelle Spirituals wie etwa »Sometimes I feel like a motherless child«. »Gott nimmt mich an, vergibt, befreit«, ist für Malessa eine Kernbotschaft des Musicals, für das an der Abendkasse noch Restkarten zu haben sind.

Über die christliche Botschaft von »Amazing Grace« hinaus machen die Kirchenkreise Minden und Vlotho darauf aufmerksam, dass Sklaverei zwar offiziell abgeschafft, vielerorts aber noch Alltag ist: Bei Themenabenden informieren sie über Menschenhandel, Zwangsprostitution und Zwangsarbeit. Die Musical-Besucher können für ein Projekt des evangelischen Hilfswerks »Brot für die Welt« spenden: Im »Happy Home« in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, finden Kinder, die als Sklaven in Privathaushalten arbeiten mussten, ein neues Zuhause. (epd/Thomas Krüger)

  • Für die Aufführungen am 24. Januar (19 Uhr) und 25. Januar (18 Uhr) sind Restkarten an der Abendkasse erhältlich.
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