Sonntag, 23. Oktober

Marion Unger:
Das Zusammenspiel von Kirche und Politik ist das Thema dieses Tages, der mit einem Gottesdienst in der lutherischen Kirche am Deak ter in Budapest beginnt. Es ist der ungarische Nationalfeiertag, der dem Gedenken an den Volksaufstand von 1956 gewidmet ist. Dieser Anlass führt besonders deutlich vor Augen, was schon in einer Vielzahl von Zeichen in Gesprächen und bei dem Besuch von Kirchen sichtbar war: Die ungarische Geschichte - in weiten Teilen eine Geschichte der Unterdrückung – spielt im Leben von Gemeinden und kirchlichen Institutionen eine überaus wichtige Rolle. Bisher haben wir kein Gotteshaus besucht, in dem nicht an exponierter Stelle die ungarische Nationalfahne hing und in keinem Gespräch durfte der Kampf der Ungarn um ihre Freiheit als Thema fehlen.
„Wir Ungarn mussten immer für unsere Freiheit kämpfen"
„Das hat nichts mit Nationalismus zu tun“, betont Pfarrerin Dr. Klara Tarr Cselovsky, Leiterin der Ökumene-Abteilung der Evangelisch-Lutherischen Kirche Ungarns. Nach ihren Worten ist für die Ungarn die Freiheit das höchste Gut. „Wir haben immer um unsere Freiheit kämpfen müssen; gegen die Habsburger, gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg und gegen die Russen, darum danken wir Gott dafür, dass wir jetzt in Freiheit leben dürfen“, erläutert sie. So fügt sich die ungarische Nationalhymne ganz selbstverständlich in die Sonntagsliturgie ein. Die erste Strophe lautet: „Spende unserm Vaterland, Gott, doch deinen Segen! Schirme es mit gnädg'ger Hand, wenn sich Feinde regen! Ihm, das selten glücklich war - dass es nicht verzage -, gib nach manchem Bußejahr endlich heitre Tage.“ In den fünfziger Jahren beschloss das Presbyterium der Kirchengemeinde am Deak ter, dass dieses Lied in jedem Elf-Uhr-Sonntagsgottesdienst in der Kirche gesungen wird. So wurde es von der Gemeinde durch die Jahrhunderte gehalten – selbst zur Zeit der Besetzung durch das Nazi-Regime und in der sozialistischen Ära.
Himmel und Erde werden vergehen...
Vom Drang der Ungarn nach Freiheit und der Erinnerung an den blutig niedergeschlagenen Aufstand von 1956 schlug Präses Alfred Buß in seiner Predigt einen Bogen zur Wende im Jahr 1989. Damals schnitt Ungarns Staatschef Gyula Horn den Stacheldraht an der Grenze nach Österreich durch und gab so den Menschen aus der damaligen DDR das Signal zum Aufbruch in die Freiheit. Nach den Worten von Alfred Buß markierte diese Geste das Ende des Zeitgefühls der kommunistischen Herrscher, die sich am Anfang der Weltherrschaft glaubten. „Himmel und Erde werden vergehen, meine Worte aber werden nicht vergehen.“ Mit diesem Text aus dem Markus-Evangelium beschreibt Buß das ganz andere christliche Lebensgefühl. Es rechne mit dem Einbruch Gottes in die Zeit: „Wir warten auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.“
Haus des Terrors
Blumen, brennende Kerzen und zahllose Fotos der Opfer des Aufstandes von 1956 erwarten uns im Museum „Haus des Terrors“. Hier sind die Requisiten des Terrors von Nazis und Kommunisten gesammelt und pädagogisch aufbereitet. Kaum sind sie von einander zu unterscheiden: Folter und Verhör, Deportation in die Konzentrations- oder Arbeitslager dienen den gleichen Zielen. Bewegend sind die in kleinen Filmen festgehaltenen Berichte von Zeitzeugen. Je tiefer ich in die Vergangenheit dieser Menschen eintauche, desto stärker wächst mein Verständnis für ihrem Liebe zu ihrem Land, die sich auch in ihrer geistlichen Identität widerspiegelt.
Marion Unger gehört zur Leitung der Evangelischen Kirche im Rheinland und nimmt als Gast an der westfälischen Delegationsreise teil.

- Enge Verbindung: In der evangelisch-lutherischen Kirche am Deak ter in Budapest hängt die ungarische Flagge nicht weit vom Altar.


