Montag, 24. Oktober

Dr. Ulrich Möller:
Zuerst zeigt er uns eine Sammlung von Ölbildern, gemalt von Roma-Künstlern. Die Gemälde verstaubten in irgendeinem Keller. Er hat sie ans Licht gebracht, restaurieren lassen, und nun schmücken sie seine Arbeitsräume. Deutlich ist zu spüren: Der agile Mann ist begeistert von der expressiven Kraft dieser Malerei. Staatssekretär Zoltán Balogh ist verantwortlich für soziale Inklusion. Und er ist evangelischer Pfarrer – keine schlechte Voraussetzung für ein Engagement zugunsten Benachteiligter.
Roma: Zahlen sprechen eine klare Sprache
Zu den gravierend Benachteiligten gehören die 750.000 Roma, die in Ungarn leben. Bei insgesamt zehn Millionen Einwohnern eine große Minderheit. Die Zahlen, die uns Balogh nennt, sprechen eine klare Sprache. Mindestens die Hälfte der ungarischen Roma lebt in großer Armut. Nur 0,5 Prozent der Roma erreichen einen höheren Schulabschluss, im ungarischen Durchschnitt sind es 22 Prozent. Da erstaunt es nicht, dass die Arbeitslosenquote unter den Roma bei 85 Prozent liegt. „Es ist für uns eine Schicksalsfrage, was aus den Roma wird“, sagt der Staatssekretär und spricht von einem europäischen Problem. Die Fakten sprudeln nur so aus ihm heraus. In vorzüglichem Deutsch schildert er, was an dem Problem europäisch ist. Zum Beispiel: Als ungarische Staatsbürger genießen die Roma Reisefreiheit – das ist gut und richtig, aber es führt zu menschenunwürdigen Folgen: Menschenhandel. 40 Prozent der Prostituierten zum Beispiel in Zürich, sagt Balogh, sind ungarische Romamädchen.
2.000 Sozialassistentinnen
Und dann nennt er die vier Schwerpunkte, die seine Regierung gesetzt hat und an denen er und seine Leute arbeiten: Bildung, Beschäftigung, Wohnungsbeschaffung und Gesundheit. Der letzte Punkt ist besonders deshalb schwierig, weil viele Roma nicht zum Arzt gehen, obwohl jeder Ungar staatlich krankenversichert ist: Es passt nicht in ihre Tradition und Kultur. Besonders stolz ist Zoltán Balogh darauf, dass jetzt zweitausend Romafrauen zu „Sozialassistentinnen“ ausgebildet werden. Sie sollen in der Gesundheitsfürsorge tätig werden, Besuche beim Arzt oder im Krankenhaus vermitteln, Betroffene zu Behörden begleiten, Sozialarbeit leisten. „Das größte Problem, mit dem wir zu kämpfen haben, sind Vorurteile der Bevölkerung gegen die Roma“, sagt er und berichtet von erschreckenden Umfrageergebnissen: 70 Prozent der Bevölkerung sind demnach der Meinung, die Roma seien selbst an Armut und Elend schuld. Staatliche Zuwendungen wecken Neid und Missgunst.
Hoffnungslos, desintegriert, zerfallen
Zur Gesundheit gehört auch eine gesunde Ernährung. Aber: „Wir haben eine hoffnungslose, desintegrierte, zerfallene Romagesellschaft“, sagt Balogh. Eine Folge: Das Kochen wurde weitgehend verlernt – Fastfoodprodukte machen es scheinbar überflüssig. Die Frauen stillen ihre Kinder nicht mehr, sondern greifen für ihre Babys zur Fertignahrung. Wenn sie diese zum Monatsende hin nicht mehr kaufen können, weil das Geld schon ausgegeben ist, bekommen die Kinder Zuckerwasser. Gegen solche Zustände will die Regierung nun angehen: mit Beschäftigungsprogrammen, die an staatliche Zuschüsse gekoppelt sind. Sprich: Wer arbeitsfähig ist und Arbeit ablehnt, bekommt kein Geld mehr – für Balogh „harte, aber notwendige Maßnahmen“. Eine entsprechenden Vereinbarung hat Ministerpräsident Viktor Orbán mit den offiziellen Roma-Vertretern unterzeichnet. Laut Balogh haben sie gesagt: Jetzt sind wir nicht mehr Objekte, sondern Partner.
Ungarn hat momentan in Europa einen schlechten Ruf
Balogh ärgert der schlechte Ruf, den Ungarn derzeit in Europa hat. Dass die Maßnahmen zur Inklusion der Roma in den Medien, gerade in Deutschland, so heftig kritisiert werden. Von „Arbeitslagern“ war die Rede – das erbost ihn.
Dafür, dass 1989 ungarische Politiker den Zaun an der österreichischen Grenze und damit den Eisernen Vorhang geöffnet haben, sind die Deutschen bis heute dankbar. Fast schon übertrieben dankbar, findet Balogh. Aber genau so übertrieben sei das schlechte Ansehen, das Ungarn nun plötzlich in Europa hat, „weil die Regierung Orbán, ausgestattet mit einzigartiger Zwei-Drittel-Mehrheit, in vielem beherzt zupackt, was in den vergangenen zwanzig Jahren im Argen lag“. Unsere reformierten und lutherischen Partner sehen das ähnlich. Auch Hans Kaiser von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Budapest warnt davor, alles zu glauben, was die Medien in Deutschland über die jetzige ungarische Regierung berichten. Aushöhlung rechtsstaatlicher Prinzipien? Davon könne keine Rede sein. Man solle doch bitte einmal genau hinschauen.
Wir versuchen uns den vielen Seiten der Wahrheit anzunähern.
Zigeunermission
Zur Wahrheit gehört auch, dass beide Partnerkirchen seit Jahren unter den Zigeunern aktiv sind. (Der in Deutschland verpönte Begriff ist nicht zu umgehen, wenn nicht nur Roma, sondern auch die zahlreichen anderen Stämme bezeichnet werden sollen – die meisten nennen sich auch selber so.) Die lutherische Kirche betreibt in einigen Dörfern Zigeunermission. Jugendarbeit, Bibelkreise, Gottesdienste, diakonische Arbeit – Pfarrer Péter Bakay berichtet von fünf bis zehn Taufen pro Jahr. „Sie erfahren: Kirche ist da, wenn man sie braucht. Das macht uns glaubwürdig.“
Oberkirchenrat Dr. Ulrich Möller ist Dezernent für Ökumene der Evangelischen Kirche von Westfalen

- Maria und Josef ist das Motov, das der Roma-Künstlers Tamàs Péli hier aufgegriffen hat.


