Freitag, 21. Oktober

Christa Kronshage:
Voller Stolz zeigt der Mann einen Fensterrahmen aus großen Legosteinen. Er freut sich riesig über unsere Aufmerksamkeit. Karoly Jungwirt ist geistig behindert. Wir besuchen „Sarepta“, eine diakonische Einrichtung der evangelisch-lutherischen Kirche in Budapest. Zusammen mit einem Dutzend weiterer Männer aller Generationen treffen wir Karoly in einem kleinen Raum, der als Wohn- und Esszimmer dient. Munter ist die Atmosphäre, dicht sitzt man beieinander und unterhält sich mit Worten oder auch weniger artikuliert.
Wie in Bethel vor 40 Jahren
Beengte Verhältnisse – wie in Bethel vor 40 Jahren, muss ich denken. Doch deutlich spüren wir: Diese Menschen erfahren Zuwendung. Der Leiterin Ildikó Jegessy und ihrem Team merken wir an, mit welcher Wärme und Liebe sie ihre Arbeit tun. Und sie haben Großes vor: „Sarepta“ soll fast komplett neu gebaut werden, nächstes Jahr beginnen die Arbeiten, die viel organisatorischen Aufwand erfordern. Die notwendigen 2,8 Millionen Euro hat man sich jahrelang zusammengespart, hauptsächlich aus Spenden. Hin zu kleineren Einheiten: das ist auch hier das Ziel.
Gründervater: Pfarrer Gábor Sztehlo
„Sarepta“ geht zurück auf Pfarrer Gábor Sztehlo, der bis heute hoch verehrt wird. Kurz nach dem Krieg sammelte er jüdische und andere Waisenkinder, aber auch entwurzelte Erwachsene, und gründete mit ihnen eine besondere Gemeinschaft, die er „Gaudiopolis“ (Stadt der Freude) nannte. Es sollte ein demokratischer Musterstaat en miniature sein, mit Parlament, Ministerpräsident und Staatspräsident. Doch die sozialistischen Machthaber sahen dieses Experiment mit Misstrauen und machten ihm bald ein Ende. Erlaubt war soziale Arbeit mit Behinderten. So gründete Sztehlo 1951 die diakonische Einrichtung. Dabei kooperierte er mit den Diakonissen des ungarischen Mutterhauses Phoebe, die sich ihren Namen nach einer der wichtigen Mitarbeiterinnen des Apostels Paulus gegeben hatten. Der Staat enteignete damals den Besitz christlicher Vereinigungen. Um ihre Gebäude in Budapest davor zu schützen, schenkten die Phoebe-Schwestern sie der lutherischen Kirche, doch auch dann griff das Regime zu. Pfarrer Sztehlo arbeitete also mit staatlicher Duldung in einer Behinderteneinrichtung, die dem Staat gehörte. Seine Nachfolger führten die Arbeit fort und nannten das Haus 1986 „Sarepta“.
Den Begriff Diakonie neu buchstabiert
Heute leben hier 84 Menschen, die meisten schwer oder mehrfach behindert. Hinzu kommt ein Altenheim mit 90 Bewohnern, durchschnittlich 87 Jahre alt. „Wir haben den Begriff Diakonie nach der Wende neu buchstabiert“, sagt der lutherische Bischof Tamás Fabiny. Im ungarischen Sozialismus sei dieses Wort eine beschönigende Umschreibung für die Kollaboration mit dem Staat gewesen. Deshalb war „Diakonie“ ihm und vielen anderen Theologen nach der Wende zunächst suspekt. Heute sei man dabei, die den Begriff Diakonie neu mit Leben zu füllen.
Christa Kronshage ist nebenamtliches Mitglied der westfälischen Kirchenleitung.

- Karoly Jungwirt wohnt in "Sarepta", einer diakonischen Einrichtung in Budapest.


