Dienstag, 25. Oktober

Alfred Buß:

Zwei Partnerkirchen, beide evangelisch, beide ungarisch, und doch: wie verschieden. Wie stark die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts nachwirkt, immer noch, das konnten wir bei diesem Besuch erfahren. Was es bedeutet, wenn Grenzen neu gezogen werden, quer durch ethnische Regionen.
Die reformierte Kirche bezieht alle Ungarn ein, die in den angrenzenden Ländern leben. Nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem Ende der Donaumonarchie, wurde der ungarische Staat auf sein heutiges Gebiet reduziert. Seitdem leben in mehreren Staaten Menschen ungarischer Nationalität und evangelisch-reformierter Konfession: in Rumänien, in der Ukraine, in der Slowakei. Überall sind sie in einer doppelten Minderheitssituation: ethnisch und religiös.

Die reformierte Kirche reicht über die Grenzen Ungarns hinaus

Im Gespräch mit dem ukrainischen Bischof Sándor Zán Fábián und István Csüry, seinem Amtskollegen aus Westrumänien, wurde deutlich, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben.
In der Ukraine sind die Ungarn als nationale Minderheit stigmatisiert. Sie leiden außerdem als evangelisch-reformierte Christen unter der Benachteiligung gegenüber der Orthodoxie, die mit viel Geld Kirchen baut – auch in Gebieten, wo es bislang so gut wie keine Orthodoxen gibt. Irgendwann kommen sie nach, so das Ziel dieser aggressiven Politik, und verdrängen die evangelischen Ungarn.
Ähnlich in Rumänen: Hier beansprucht die orthodoxe Kirche, die sich als Staatskirche versteht, alle Privilegien für sich. Die gewaltigen sozialen Herausforderungen im Land könnten nur gemeinsam gelöst werden. Doch an einer ökumenischen Zusammenarbeit hat die orthodoxe Kirche kein Interesse.
Die reformierte Kirche innerhalb Ungarns bittet um unsere Hilfe, um ihren Regionen außerhalb Ungarns zu helfen – nicht aus Nationalismus, sonder aus christlicher Solidarität unter Geschwistern.

Lutheraner sind eine kleine Minderheit

Die lutherische Kirche vereinte Ungarn, Deutsche und Slowaken. Nach dem Zweiten Weltkrieg betrieb das kommunistische Regime eine Politik der Vertreibung und Umsiedlung: Deutsche und Slowaken mussten das Land verlassen. Dieser Aderlass schwächte die Kirche, sie wurde zur kleinen Minderheit. „Wir leiden bis heute darunter“, sagt Bischof Tamás Fabiny. Heute sind in Ungarn drei Prozent der Bevölkerung evangelisch-lutherisch.
Wir haben beide Kirchen besucht, gemeinsam, das war uns wichtig. Beide Kirchen haben sich uns mit ihren Profilen präsentiert. Gravierend sind die Unterschiede nicht. Kein Wunder, dass sich bei uns bald der Reflex einstellte: Vereinigt euch. Bündelt eure Kräfte, konzentriert eure Ressourcen. Eine vereinigte evangelische Kirche in Ungarn könnte ihre Stimme in der Gesellschaft vielleicht deutlicher und wirkungsvoller erheben. (In der deutschen Botschaft sagte man uns, der Protestantismus werde in der Gesellschaft öffentlich kaum wahrgenommen.)

Wir sind Partner, nicht Besserwisser

Und warum sollten nicht zwei verschiedene Gottesdienst-Traditionen unter dem Dach einer Kirche bestehen? Warum sollten nicht auch lutherische Studentinnen und Studenten am ehrwürdigen Reformierten Kollegium in Debrecen studieren dürfen? Bisher ist das nicht möglich. Warum sollte nicht eine evangelische Kirchenzeitung erscheinen? Bisher kommen wöchentlich zwei heraus, produziert mit großem Aufwand und kleiner Auflage.
So ließe sich weiterfragen. Aber wir wissen: So einfach ist es nicht. Wir sind als Partner gekommen, nicht als Oberlehrer und Besserwisser. Wir haben Fragen gestellt, offene Fragen, ohne das Ergebnis vorwegzunehmen. Wir sind auf dem Weg.

Die evangelisch-reformierte Großkirche in Debrecen. Die Stadt wird in Ungarn auch "der reformierte Vatikan" genannt.
 
 
 
 
Dienstag, 25. Oktober
 

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