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Politikertagung der drei evangelischen Kirchen in NRW mit Udo Di Fabio

Luther war unbeabsichtigt modern

Zwar führt von der Reformation vor 500 Jahren kein gerader Weg in die Moderne – dennoch sind die Anstöße, die Martin Luther und andere damals gaben, bis heute für die freiheitliche Kultur der westlichen Welt höchst wirksam und bestimmend.

Diese Überzeugung vertrat Dr. Udo Di Fabio am Freitag (8.9.) auf der Politikertagung, zu der die drei evangelischen Kirchen in NRW gemeinsam eingeladen hatten. Der frühere Vorsitzende des Bundesverfassungsgerichts betonte den modernen Freiheitsbegriff Martin Luthers. Demnach ist der Mitmensch kein Mittel zum Zweck, kein Objekt, über das man verfügen kann, sondern eigenständiges Subjekt. »Wenn der Mensch zum Objekt wird, ist immer die Menschenwürde angetastet«, sagte Professor Di Fabio, der an der Universität Bonn lehrt. Die freie Entfaltung des Individuums, wie sie im deutschen Grundgesetz verankert ist, setze Bildung voraus. »Wer frei ist, muss die Bedingungen seiner Freiheit kennen und reflektieren« - und dazu seien Wissen und Bildung notwendig, erklärte der Jurist.

Er merkte kritisch an, dass auch ein moderner Sozialstaat nicht davor gefeit ist, »Menschen als Verwaltungsobjekte zu sehen«. In der aktuellen Situation bewährt sich für Udo Di Fabio das Erbe der Reformation gerade auch dann, wenn Flüchtlinge, Fremde aus anderen Kulturen, nicht als Objekte betrachtet werden. »Überzeugend werben wir für eine tolerante Gesellschaft, indem wir den anderen auch in seiner Sperrigkeit achten und nicht umerziehen wollen.« Es sei ein Irrtum zu glauben, dass sich die westlichen Leitideen ganz von selbst durchsetzen würden, warnte der Referent. »Wer für seine Identität etwas tun will, muss sie zeigen und vorleben.« Heute sei die westliche Kultur vielfach bedroht. »Aber wir können diese Krise meistern, weil das westliche Gesellschaftsmodell konkurrenzlos ist. Diktatoren schlafen schlechter.«

Die Evangelische Kirche von Westfalen, die Evangelische Kirche im Rheinland und die Lippische Landeskirche waren zum 500-jährigen Reformationsjubiläum Gastgeber der Begegnungstagung für Politik und Kirche, an der rund 120 Personen teilnahmen.

Präses Annette Kurschus rief zu evangelischer Bescheidenheit auf: »Kirche und Glaube tun gut daran, sich nicht allzu schnell, allzu selbstsicher oder gar selbstgefällig auf der ›richtigen‹ Seite der Geschichte zu verorten. Und damit ja unwillkürlich auch auf der ›richtigen‹ Spur in der Gegenwart.« Denn die Geschichte der Moderne sei eine gleichzeitige Entwicklung verschiedener religiöser und gesellschaftlicher Dynamiken. Dabei hätten gerade die unbeabsichtigten Folgen reformatorischen Handelns besonders stark und einschneidend gewirkt.

Als Beispiel dafür nannte die leitende Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen Martin Luthers Konzentration auf die Bibel: Er nahm »die Heilige Schrift den Spezialisten aus der Hand und setzte sie den Gläubigen vor die Nase und ins Herz.« Jedem Christenmenschen habe er zugetraut, sie zu lesen und zu verstehen. Kurschus: »Auf diese Weise war der Geist aus der Flasche. Das führte auch zu solchen Bibelverständnissen, die Luther nie gewollt hatte. Dadurch waren plötzlich Formen von Freiheits- und Selbstverständnis in der Welt, die nie in Luthers Absicht lagen.« (Pressemitteilung 72/2017)

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