Schneider: Mehr evangelisches Selbtsbewusstsein zeigen
Politikertagung der Evangelischen Kirche von Westfalen über die Bedeutung der Religionen zur Entwicklung der Gesellschaft

Für praktische Solidarität und Protestbereitschaft: EKD-Ratsvorsitzender Nikolaus Schneider. Foto: EKvW
WESTFALEN/SCHWERTE - Der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat seine Kirche zu mehr Selbstbewusstsein aufgerufen. „Wir müssen unsere ureigenen, dem Wohl der Gesellschaft verpflichteten und dienlichen Ressourcen präsentieren“, sagte Schneider am Freitagabend (9.9.) in Schwerte: „Praktische Solidarität und Protestbereitschaft, ökologische Sensibilität und ehrenamtliches Engagement, eine Praxis der Barmherzigkeit, eine Kultur der Wahrhaftigkeit und eine tief verwurzelte Fähigkeit zum Frieden.“
Es gebe keinen Grund zu „übertriebener Zurückhaltung“ der Kirche im Blick auf ihre Leistungen für die Bürgergesellschaft. Durch religiöse Kommunikation und gelebte soziale Solidarität helfe sie bei der Bewältigung gesellschaftlicher und individueller Probleme. „Die Kirchen sind Organisationen, die Wesentliches zur Identitätsbildung und zur Sinnstiftung der Menschen beitragen“, sagte der oberste Repräsentant von 24 Millionen Protestanten in Deutschland.
Wesensmerkmal evangelischer Kirche sei der „Protest gegen die totale Vermarktlichung und Ökonomisierung des Lebens“. Der christliche Glaube wehre sich dagegen, die Natur als Mittel zum Zweck rücksichtslos wirtschaftlich auszubeuten. Schneider: „Christlicher Glaube behaftet alle Akteure in der Gesellschaft darauf, dass die Schöpfung Gottes den Menschen stets nur treuhänderisch anvertraut ist, damit sie als seine gute Gabe weitergegeben werden kann.“ Das widerspreche dem Ziel, alles dem Diktat des Geldes oder der Gier der Finanzmärkte zu unterwerfen. „In der ständigen Erinnerung an diese grundsätzlichen geschwisterlichen Solidaritätswerte, die aus der christlichen Religion erwachsen, liegt vielleicht der wichtigste und deutlichste Beitrag des Christentums für unsere Gesellschaft“, erklärte Nikolaus Schneider, der auch leitender Theologe der Evangelischen Kirche im Rheinland ist.
Der Glaube sei außerdem eine Triebfeder für ehrenamtliches Engagement. Religiöse Menschen seien überdurchschnittlich ehrenamtlich engagiert, sagte der Referent mit Verweis auf den „Religionsmonitor“, eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung: „Eine hohe Religiosität ist also eine bedeutsame zivilgesellschaftliche Ressource.“
Schneider sprach bei der Begegnungstagung für Politiker, zu der die Evangelische Kirche von Westfalen nach Haus Villigst eingeladen hatte. Über hundert geladene Gäste, darunter zahlreiche Mitglieder des Landtages, des Bundestages und des Europaparlaments, nehmen noch bis Samstag daran teil. Das Thema lautet: „Was hält die Gesellschaft zusammen? Die Bedeutung der Religionen zur Entwicklung der Gesellschaft“.
- Der Vortrag von Nikolaus Schneider (pdf)


