Zwischen Gottesdienst und Gefängnisalltag
Seelsorge in der Justizvollzugsanstalt Bochum-Krümmede

Bei längeren Haftstrafen leiden die Gefangenen oft unter der Isolation, ein Gespräch mit der Pfarrerin oder dem Pfarrer tut dann gut. Foto: Bilderbox
BOCHUM - Gitterstäbe mit Schlössern, hohe Mauern mit Videoüberwachung und der klappernde Schlüsselbund immer in der Hand: Das sind die ersten, fast schon klischeehaften Eindrücke beim Eintritt in die „andere Welt“ der Justizvollzugsanstalt Bochum-Krümmede. Das Handy muss draußen bleiben, da es für den direkten Kontakt zwischen drinnen und draußen ein Kommunikationsverbot gibt.
Pfarrerin Uta Klose und Pfarrer Burghard Boyke kümmern sich hier engagiert um die seelischen Bedürfnisse der derzeit 800 männlichen Gefangenen sowie – bei Bedarf – um die Belange der Vollzugsbeamten. „Unsere Hauptaufgabe besteht in den vielen Einzelgesprächen mit den Gefangenen, die wir dafür zum Teil aus den Zellen abholen“, erklären sie ihren Auftrag. Aber auch Gottesdienste feiern, Gruppengespräche führen und miteinander Musik in einer Chorgruppe machen gehören dazu.
Antrag für ein Gespräch
Im Berufsalltag wenden sich die Gefangenen normalerweise mit der Bitte um ein Gespräch an die Pfarrer. Aufgrund des Geschlossenen Vollzugs müssen sie dafür einen Antrag stellen. „Immer wieder geben auch Mitarbeiter oder Mitgefangene einen Tipp, wenn sie feststellen, dass es jemanden nicht so gut geht“, erklärt Klose. Zum Beispiel, wenn ein Gefangener nicht zur Gruppenstunde kommt, die er eigentlich gern besucht.
In den Gesprächen sind dann oft abbrechende Beziehungen zur Außenwelt das Thema, da die Gefangenen häufig unter ihrer langen Isolation leiden. Boyke: „Die Besuchszeit beträgt gerade mal drei Mal eine Stunde pro Monat, die sich die Familie, Eltern und Freunde teilen müssen. Wer dann für mindestens zwei Jahre, häufig bis zu acht Jahre einsitzt, bekommt vom Lebensalltag nichts mehr mit.“
Wenn dann die Ehefrau immer seltener kommt, die Kinder erwachsen werden und ihrer Wege gehen, wird es schwer für einsitzende Ehemänner und Väter. Immer wieder sind deshalb Trennungen ein wichtiges Thema. „Wir begleiten die Leute und helfen mit, den eigenen Alltag und die Veränderungen in den Beziehungen zu bewältigen“, erläutert die Theologin.
"Ich bin kein schlechter Mensch"
Aufgrund der baulichen Enge und der Nöte der Menschen kommt vieles schnell und ungeschminkt zum Gespräch, egal ob Ängste, Wut oder die Hilflosigkeit der „harten“ Typen. Auch die gesellschaftliche Ächtung ist ein Thema. „Ich bin kein schlechter Mensch. Ich habe nur Mist gemacht“, zum Beispiel. „In den Gruppenstunden oder beim gemeinsamen Fußballspiel schält sich immer wieder ein eigentlich ganz sympathischer Mensch heraus“, erklärt Boyke wohl wissend um die Dinge, die sein Gegenüber auf dem Kerbholz hat.
„Wie verstehst du das mit Gott“ ist auch ein häufiges Thema, wenn die Gefangenen ihre Situation Revue passieren lassen. Kann Gott verzeihen bei den begangenen Taten? Gerade dann ist mit Hilfe der Bibel und dem eigenen Glauben der beiden Pastoren authentische Seelsorge gefragt. „Sie ist ein wichtiger Teil unseres beruflichen Alltags, indem wir Menschen helfen, mit sich selbst zurecht zu kommen“, sagt Klose.
Gut besuchte Gottesdienste
Die Gottesdienste sind im Durchschnitt gut besucht. Bis zu 100 Gefangene nehmen daran teil. Der 20-köpfige Chor, den Boyke aufgebaut hat, und die Gottesdienst-Vorbereitungsgruppe kommen dafür an jedem Sonntag um 8.30 Uhr zusammen. Inzwischen gibt es auch einen Conga-Spieler und zwei Gitarristen. Zusammen mit Organist Matthias van den Höfel begleitet die kleine Kirchenband den Chor und den Gottesdienstgesang.
„Die gemeinsamen Gottesdienste sind oft sehr konzentriert“, sagt Uta Klose. „Unsere Besucher genießen die besinnliche Stille, die sich auf alle überträgt.“ Der Gottesdienst steht damit auch im Kontrast zum Gefängnisalltag. (Fritz-Wicho Herrmann-Kümper)


