15.03.11, Kategorie: Aktuelle Nachrichten, Landeskirche

Wer spannt den Rettungsschirm für die Armen?

Studientag befasste sich mit den Auswirkungen der internationalen Finanzmarktkrise

DORTMUND/WESTFALEN - „Wirtschaftsfragen sind Fragen, von denen das Überleben von Menschen abhängt, und deshalb haben die Kirchen etwas dazu zu sagen, auch wenn sie keine Finanzexperten sind.“ Das betonte MÖWe-Pfarrer Dietrich Weinbrenner bei einem Studientag zu den Auswirkungen der internationalen Finanzmarktkrise auf die Bevölkerungen in Partnerländern der Evangelischen Kirche von Westfalen. Das Amt für Mission, Ökumene und kirchliche Weltverantwortung (MÖWe) hatte dazu am Samstag, 12. März, nach Dortmund eingeladen.

Hunderttausende verloren durch den Zusammenbruch der Weltwirtschaft ihre Existenzgrundlage. Armut, Perspektivlosigkeit und Hunger begleiten die Menschen bis heute. Dabei waren die Entwicklungsländeran der Entstehung der durch Finanzspekulationen hervorgerufenen Krise gar nicht beteiligt. Wie ihre Finanzsysteme regelrecht mit der Krise„infiziert“ wurden, zeigt eine von den Experten des Instituts „Südwind“ herausgegebene neue Studie.

Hierzulande ist wenig bekannt, dass viele der betroffenen Länder vorher ein funktionierendes Bankensystem hatten, dass ihre Finanzen (ungeachtet der Verschuldung) stabil waren und zum Teil sogar Rücklagen gebildet worden waren. In der Folge der Krise ging die Entwicklungshilfe zurück, weil Zusagen nicht eingehalten wurden. Die Rohstoffpreise verfielen wegen schwacher Nachfrage, der Außenhandel litt. Und die im Ausland lebenden Verwandten konnten weniger Geld in die alte Heimat überweisen – ein Wirtschaftsfaktor, der in manchen Ländern die Entwicklungshilfe weit übersteigt und oft 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht.

Auch der Fluss von privatem Investitionskapital – weltweit 600 Milliarden Euro jährlich – riss 2008/2009 abrupt ab. Deshalb konnten plötzlich weniger Kredite vergeben werden. „So konnten Frauen, die in entlegenen Gegenden Ghanas Nüsse sammeln, ihre Ernte nicht mehr auf dem Markt verkaufen, weil der Exporteur keinen Handelskredit mehr bekam“, berichtete Antje Schneeweiß, Mitverfasserin der Studie, die exemplarisch die Situation in Indonesien, Tansania, Paraguay und Ungarn untersuchte.

Kreditklemme in Indonesien, Steigerung des Zinssatzes von 18 auf 30 Prozent in Paraguay, Firmenbankrotte und Massenentlassungen in Tansania und Indonesien – die Liste der bedrückenden Beispiele ist schier endlos. Hinter den nüchternen Zahlen der Studie stehen persönliche Schicksale. „Alle haben verloren, auch die Chefs und die Manager“, weiß Dr. David Widihandoyo von der Satya-Wacana Universität in Indonesien. „Für sie bedeutet der Verlust vielleicht eine Einschränkung im Lebensstil. Aber für jemanden, der nur 65 Euro im Monat verdient und eine sechs- bis achtköpfige Familie zu ernähren hat, bedeutet diese Summe das Leben.“

Er berichtete, dass aus finanzieller Not viele Kinder die Schule abbrechen müssen um zu arbeiten und unzählige Menschen die täglichen Mahlzeiten von drei auf eine reduzieren. „Am Ende steht für viele verzweifelte Familien der gemeinsame Suizid.“

Die Studie wartet auch mit überraschenden Erkenntnissen auf. „Im Norden hat die Krise unerkannte Schwächen sichtbar gemacht und im Süden unbekannte Stärken zutage gebracht“, so Antje Schneeweiß. Sie verwies auf die Instabilität des Bankensystems, und Jürgen Kaiser vom Bündnis „Erlassjahr“ erinnerte daran, dass Staatsbankrotte in Europa eigentlich nichts Neues sind. Umgekehrt hätten einige Schwellenländer mit Sozial- und Konjunkturprogrammen gegensteuern können.

So etwas habe es noch nie gegeben: „Viele Investoren haben heute größeres Vertrauen in Brasilien, China und Indien als in Europa und die USA“, sagte Schneeweiß und fragte provokant zum  Schluss: „Läutet die Finanzmarktkrise das Ende der westlichen Vorherrschaft ein?“

Wichtiger als Spekulationen darüber war die Verständigung über politische Handlungsmöglichkeiten. Irene Knoke von „Südwind“ erläuterte ausführlich, wie eine Finanztransaktionssteuer, die jetzt auch die Bundeskanzlerin und Nicolas Sarkozy befürworten, nicht nur die Auswüchse an Spekulationen eindämmen, sondern auch Mittel freisetzen kann, um Armut, Hunger und den Auswirkungen des Klimawandels zu wehren. Da Frankreich in 2011 die G 20-Präsidentschaft innehat, sieht Knoke eine Chance, wenn auch noch nicht für eine globale Umsetzung, so doch für eine regionale. „Es lohnt sich, jetzt Druck zu machen.“

Die Bundesregierung rechne bereits mit dem daraus fließenden Geld. Weil die Schuldenkrise mittlerweile auch in Europa angekommen ist, hofft Jürgen Kaiser auf breitere Unterstützung der Erlassjahr-Kampagne (www.erlassjahr.de). „Nur mit einem internationalen Insolvenzverfahren können wir die Herausforderungen einer globalisierten Finanzwelt meistern.“ (Kirsten Potz)

Die Studie, die von der Evangelischen Kirche in Westfalen gefördert wurde, steht als Download unter www.suedwind-institut.de zur Verfügung und kann zum Preis von 5 Euro bei SÜDWIND bestellt werden: info(at)suedwind-institut.de


 
 
 
 
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