09.01.12, Kategorie: Aktuelle Nachrichten, Kirchengemeinden

In Sichtweite der eigenen Haustür

Das Mobile Kaffeekränzchen belebt Kontakte in der Nachbarschaft

Laden die Gäste persönlich zum Mobilen Kaffeekränzchen ein: Pfarrerin Dr. Zuzanna Hanussek und Uwe Hribernigg. Foto: Cornelia Fischer

Laden die Gäste persönlich zum Mobilen Kaffeekränzchen ein: Pfarrerin Dr. Zuzanna Hanussek und Uwe Hribernigg. Foto: Cornelia Fischer

GELSENKIRCHEN – Eine festlich gedeckte Kaffeetafel lädt zum Platznehmen ein. Der Kuchen ist hausgemacht. Es wird bedient wie in einem richtigen Café – nur die Rechnung bleibt aus. Das „Café“ ist ein Zelt, für zwei Stunden aufgebaut von ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Die Gäste kommen aus der unmittelbaren Umgebung. Sie sind teilweise seit Jahren nicht mehr ausgegangen zum Kaffeetrinken. Im Café auf Zeit um die Ecke von ihrer Wohnung treffen sie Menschen aus ihrer Nachbarschaft, kommen mit ihnen ins Gespräch, frischen alte Kontakte auf oder stellen neue her.

„Das Mobile Kaffeekränzchen“ nennen Uwe Hribernigg und Pfarrerin Dr. Zuzanna Hanussek ihr Projekt. Damit gehen sie dorthin, wo viele alte Menschen leben, wo es keine Treffpunkte mehr gibt, wo Armut zum Alltag gehört. Zwei Tage vor dem Zeltaufbau machen die beiden sich mit Handzetteln auf den Weg in das Viertel. Sie klingeln an Wohnungstüren und laden persönlich zum mobilen Kaffeekränzchen ein. „Wichtig ist es dabei, in der Nähe der Menschen zu sein“, berichtet Hribernigg. „Sie fragen spontan: ‚Wie weit ist es dorthin?’ weil sie sich Sorgen machen, ob sie den Weg bewältigen können. Wenn sie den Ort von ihrer Haustür aus sehen können, sind sie viel eher bereit, sich darauf einzulassen.“

Dass es Wohnbereiche gibt, in denen öffentliches Leben praktisch nicht mehr stattfindet, hat Zuzanna Hanussek zwar gewusst, aber bei der ersten Einladungsrunde ganz hautnah erlebt. „Da war kein Mensch auf der Straße, es war total still.“ Als am Samstag darauf neun Menschen an der Kaffeetafel saßen und miteinander redeten, war zum ersten Mal seit langer Zeit etwas los in diesem Teil der früheren „Hollandsiedlung“ in Gelsenkirchen-Ückendorf. Beim nächsten Termin kamen bereits 15 Menschen zusammen.

Die Armut im Alter nimmt zu, nicht nur in Gelsenkirchen. Doch gerade in den ursprünglichen Arbeitersiedlungen gibt es besonders viele alte Menschen, die von der so genannten „Grundsicherung“ leben. Hribernigg und Hanussek haben sich die entsprechenden Daten besorgt und wollen mit dem mobilen Kaffeekränzchen gezielt in diese Bezirke gehen. Auf die Idee kamen sie von zwei sich ergänzenden Beobachtungen her.

Kontaktaufnahme scheitert oft an Kleinigkeiten

Hanussek ist Pfarrerin und Gerontologin beim Evangelischen Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid. In den Evangelischen Frauenhilfen hat sie von Leiterinnen erfahren, dass es immer mehr Frauen schwer fällt, den Beitrag für ein Kaffeegedeck aufzubringen. „Natürlich müssen sie nichts bezahlen, wenn sie sich das nicht leisten können. Doch wenn das Geld eingesammelt wird, sehen ja die Frauen neben ihnen, dass sie nichts in den Korb legen. Deswegen schämen sie sich und bleiben lieber ganz weg.“ Hribernigg arbeitet bei der Gelsenkirchener Ehrenamtsagentur. Er sagt zur Einrichtung von Beratungsbüros in den Stadtvierteln: „Einsame und Bedürftige haben oft gar kein konkretes Anliegen und scheuen sich, dort vorstellig zu werden.“

Armut im Alter verstärkt die Einsamkeit, weil die Betroffenen nicht ausgehen und sich oft auch nicht trauen, alte Bekannte einfach mal nur auf ein Schwätzchen zu sich einzuladen. Sind die Kaffeetassen noch schön genug? Sieht die Tapete nicht zu schäbig aus? An solchen Kleinigkeiten scheitert oft die Kontaktaufnahme. Das Mobile Kaffeekränzchen möchte Schwellen überwinden, Kontakte herstellen und auch einfach mal etwas bieten, was manche sich sonst nicht mehr leisten können.

Das Projekt soll Schule machen

Bisher ist es ein Kreis von sechs Personen, der im Rahmen der „Initiative Spaß im Ehrenamt“ (ISiE) das Zelt aufbaut und die Gäste bedient. Deren Angehörige und Freunde backen und spenden den Kuchen. „Die Betriebskosten für ein Kaffeekränzchen betragen ungefähr 10 Euro“, so Hribernigg, der selbst als Ehrenamtlicher bei ISiE aktiv ist. Die Grundausstattung für das Zelt – demnächst für die Wintertermine mit Heizung – Tische und Stühle, Geschirr und Tischdecken haben die Stadtteilerneuerung Südost (aus Fördermitteln) und der Evangelische Kirchenkreis (aus Spendenmitteln) mitfinanziert. Derzeit passt das ganze Mobilcafé in Hriberniggs Kleinwagen: „An der Anschaffung eines größeren Fahrzeugs arbeiten wir noch.“

Zuzanna Hanussek hofft, dass das Projekt Schule machen wird. „Optimal wäre es, wenn in vielen Stadtvierteln eigene Initiativen entstünden und öfter zu solchen Kaffeekränzchen einlüden.“ Deshalb möchte sie zusammen mit ISiE in weitere Bezirke gehen und durch die Praxis zur Nachahmung anregen. Der nächste Termin findet voraussichtlich im Januar statt. (Katharina Blätgen)



 
 
 
 
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