04.04.11, Kategorie: Aktuelle Nachrichten, epd, Landeskirche

Erschütterung für das gegliederte Schulsystem

Bildungsexperten fordern mehr Anstrengungen für eine "inklusive Schule"

In NRW soll ein Rechtsanspruch auf gemeinsamen Unterricht festgeschrieben werden. Foto: Kurt Oxenius

In NRW soll ein Rechtsanspruch auf gemeinsamen Unterricht festgeschrieben werden. Foto: Kurt Oxenius

SCHWERTE - Bildungsexperten haben eine grundlegende Reform des Schulsystems für eine bessere Integration von behinderten Schülern gefordert. Die UN-Behindertenrechtskonvention verpflichte zur Verwirklichung eines "integrativen Bildungssystems auf allen Ebenen", erklärte der Hamburger Pädagogikexperte Hans Wocken bei einer Fachtagung in Haus Villigst in Schwerte. "Nicht die Kinder haben ihre Integrationsfähigkeit zu demonstrieren, sondern die Schule muss sich anpassen", unterstrich Wocken, der bis zu seiner Emeritierung 2008 Professor für Lernpädagogik in Hamburg war.

Inklusion im Schulbereich bedeute "Erschütterung des gegliederten Schulsystems", führte Wocken weiter aus. Der Unterricht müsse dabei viel stärker an die individuellen Fähigkeiten eines Kindes angepasst und "hochdifferenziert" gestaltet werden. Kernaufgabe der Pädagogik müsse Annahme und nicht Auswahl sein, sagte der Pädagoge auf der gemeinsamen Tagung des Pädagogischen Instituts Villigst der Evangelischen Kirche von Westfalen und des Pädagogisch-Theologischen Instituts Bonn-Bad Godesberg der Evangelischen Kirche im Rheinland.

Es gebe keine Kinder, die eine besondere Schule benötigten, sondern Kinder, die besondere Förderung bräuchten, kritisierte Wocken die bestehende Trennung in Regel- und Sonderschulen im gegliederten Schulsystem. Der vor rund 30 Jahren durch die Schulgesetzgebung in den Bundesländern festgeschriebene "tiefe Graben" zwischen Sonder- und allgemeiner Pädagogik müsse wieder zugeschüttet werden. Auch die Praxis des Sitzenbleibens ist nach Einschätzung Wockens "unpädagogisch und ineffektiv".

Auf dem Weg zu einer inklusiven Schule soll in Nordrhein-Westfalen ein Rechtsanspruch auf gemeinsamen Unterricht festgeschrieben werden, wie Gabriele Mauermann vom Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW erläuterte. Sie verwies dabei auf den Landtagsbeschluss vom Dezember 2010, mit dem sich NRW verpflichtet hat, "Inklusion in der Schule" umzusetzen. Der gemeinsame Unterricht an allen Schulformen ist nach Einschätzung von Mauermanns ein mindestens zehn Jahre dauernder Prozess. Für dieses Anliegen müsse auch in der Öffentlichkeit stärker geworben werden. Noch fehle es an breiter innerer Akzeptanz, erklärte die Leiterin des Förderschulreferats. (epd)

Die UN-Behindertenrechtskonvention
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