„Den Sprung ins Vertrauen wagen“
Professor Hans-Martin Gutmann sprach vor Polizeipfarrerinnen und -pfarrern über das Thema "Gewalt unterbrechen?!"
MÜNSTER - „Gewalt fasziniert – aber nur im Augenblick ihrer Entfaltung“. Das betonte Hans-Martin Gutmann, Professor für Praktische Theologie an der Universität Hamburg, vor der bundesweiten Konferenz evangelischer Polizeipfarrerinnen und Polizeipfarrer (KEPP) in Münster. Aus diesem Grund schlug er vor, Religionen auf gewaltunterbrechende Verhaltensformen und Einstellungen hin zu untersuchen. Diese könnten dann „greifen“, bevor Menschen sich von Gewalt mitreißen ließen.
Als Beispiel für gewaltunterbrechende Verhaltensweisen nannte der Theologe den Versuch von Religionen, durch Opfer und Gaben eine Durchbrechung der Gewaltspirale anzustreben. Während Religionen sich ursprünglich durch die Prinzipien der Wechselseitigkeit und der Nachahmung auszeichneten, sei die Zeit seit der Aufklärung vor allem durch ihre Orientierung am Prinzip der Rationalität charakterisiert. Laut Gutmann führe eine Kombination der Prinzipien daher zu einer aufgeklärten, aber religionsverbundenen Strategie zur Unterbrechung von Gewalt.
In zwischenmenschlichen Beziehungen hätten „Gaben“ etwa die Gestalt von Zuneigung, gewährter Sicherheit und gegenseitigem Vertrauen. Daher sei es für die Umsetzung dieser Strategie notwendig, Orte in Gesellschaft und Kirche zu schaffen, an denen gelingende Beziehungen erlebt und so zum Vorbild für eigenes Verhalten gemacht werden können. Nur so sei es möglich, Gewalt durch gegenseitiges Vertrauen zu ersetzen.
Da jeder Austausch mindestens zwei Parteien voraussetze, könne dies jedoch nur dann gelingen, „wenn beide Seiten diesen Sprung ins Vertrauen wagten“, so Gutmann. Die in der Ausübung von Gewalt gesuchte Entgrenzungserfahrung könne im Konzept der Feindesliebe als einer Nachahmung des Handelns Gottes gefunden werden.
„Vorträge von solcher Qualität bekommt man nur selten geboten“, sagte ein Teilnehmer im Anschluss an den Vortrag. „Selbst, wenn man nur zehn Prozent davon für die eigene Arbeit mitnimmt, ist das bereits ein immenser Gewinn“.
Bis Freitag beschäftigt sich die KEPP mit dem Thema „Gewalt als gesellschaftliches, polizeiliches und theologisches Problem“. Sie endet mit einer gemeinsamen Abendmahlsfeier. (Katrin Zehetgruber)



