Den Schwachen eine Stimme geben
Präses Schneider kritisiert einseitiges Menschenbild der Ökonomie
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat die Wirtschaftswissenschaften appelliert, sich nicht nur auf Erklärungsansätze zu beschränken, sondern gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Derzeit sei die Ökonomie die einzige Leitwissenschaft, sagte Schneider am Donnerstag im Evangelischen Studienwerk Villigst in Schwerte. Auf viele Fragen gebe sie aber keine oder nur unzureichende Artworten. Der rheinische Präses warf den Ökonomen ein einseitiges Menschenbild vor.
"Für die Ökonomie gibt es nur die Habgier", sagte Schneider. Wer immer nur die Habgier betone, trage dazu bei, dass Solidarität und Mitmenschlichkeit immer weniger zählten. Er erwarte von Wirtschaftswissenschaftlern, dass sie als wichtigstes Ziel Wohlfahrt für alle definierten, unterstrich der evangelische Theologe.
Sprache der Wirtschaft muss entmythologisiert werden
Die angelsächsische Auffassung von Wirtschaft sei immer noch von den Theorien eines Adam Smith geprägt, dass der Markt alles regele, kritisierte Schneider weiter. In der gegenwärtigen Finanzmarkt- und Eurokrise leiste die Ökonomie keine Aufklärung, sondern verneble durch Begriffe wie "Finanzmärkte" die Zusammenhänge. Dahinter stünden jedoch handelnde Personen. "Es ist höchste Zeit, die Sprache der Wirtschaft zu entmythologisieren." Er persönlich glaube keinem Erklärungsversuch der Ökonomen mehr, sondern beurteile die Ergebnisse, sagte der oberste EKD-Repräsentant.
Kirche muss Partei ergreifen
Die Kirche müsse ihre Weltverantwortung auch dahingehend wahrnehmen, dass sie denen, zu schwach sind, ihre Interessen selbst zu vertreten, eine Stimme gebe, forderte Schneider. Das tue sie im Rahmen von Diakonie an vielen Stellen der Gesellschaft. "Die Kirche ist nicht Partei, aber sie ergreift Partei." Immer noch gebe es drei Millionen Arbeitslose in Deutschland, auch wenn die Statistik etwas andere behaupte. An diesen drei Millionen Menschen hingen viele Einzelschicksale, darunter viele Kinder.
Brücken bauen
Die Villigster Stipendiaten rief Schneider dazu auf, Verantwortung in ihrem Beruf, in ihrem gesellschaftlichen Umfeld und auch in der Kirche zu übernehmen. Jeder Einzelne sei aufgefordert, Brücken zu bauen und Verantwortung zu übernehmen. Das erwarte er in besonderer Weise von Stipendiaten, die im wohlverstandenen Sinn eine evangelische Verantwortungselite bildeten. (epd)



